Dialog: Grundlage für Frieden und Verständigung

 

Neunter Empfang der Religionen in Salzburg im Zeichen der Aleviten

 

SALZBURG (eds-7. 11. 2019) / Jedes Jahr richtet der Empfang der Religionen an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg seinen Blick auf eine andere Religion. Heuer standen die Aleviten im Mittelpunkt. Den Abend eröffnete traditionell ein religionsverbindendes Gebet in der Salzburger Kollegienkirche – organisiert vom Arbeitskreis interreligiöser Dialog des Afro-Asiatischen Instituts. Vertreterinnen und Vertreter des Christentums, der Alevitischen Glaubensgemeinschaft, des Islams, der Buddhistischen Gemeinschaft, der Bahai Glaubensgemeinschaft und der Jüdischen Glaubensgemeinde sprachen Gebete. Zum Abschluss und zum Friedensgruß erklang „Schalom, schalom“.

Empfang der Religionen holt Aleviten vor den Vorhang

Nach dem gemeinsamen Beten im Zeichen des Friedens und der Verständigung folgte der Empfang der Religionen an der Theologischen Fakultät. Franz Gmainer-Pranzl, Leiter des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen, unterstrich in seinen Begrüßungsworten: „Wir brauchen den Dialog und das Kennenlernen. Das Zusammenkommen und die Begegnung sind unverzichtbar, nur so kann Friede und Verständigung gelebt werden.“

Festrednerin über die „unbekannte“ Glaubensgemeinschaft

Den Festvortrag hielt Handan Aksünger-Kizil, Professorin für Alevitisch-Theologische Studien am Institut für Islamisch-Theologische Studien an der Universität Wien. Sie verwies auf rund 60 Jahre Migrationsgeschichte der Aleviten. „In Europa leben 1,5 bis 2 Millionen Aleviten, davon 600.000 bis 700.000 in Deutschland und 60.000 bis 80.000 in Österreich.“ Die Glaubensgemeinschaft sei bis in die späten 80-er Jahre – und teilweise noch heute – recht unbekannt gewesen. Den Grund ortet Aksünger-Kizil im Schweigegebot, mit dem die Gläubigen sozialisiert worden seien. Sie spricht von einem Selbstschutzmechanismus, der aus Furcht vor Diskriminierung und religiöser Verfolgung praktiziert wurde. „Die Menschen haben das von der Türkei mit nach Europa gebracht, sodass selbst die zweite Generation nicht direkt von ihren Eltern erfahren hat, wer sie sind.“ 

Die Theologin verwies darauf, dass die Mitglieder der Religionsgemeinschaft im Osmanischen Reich als „Ungläubige“ stigmatisiert waren. „Das Verschweigen der Religion und religiösen Identität war eine Art Überlebensstrategie.“ Das Anderssein im Vergleich zum sunnitischen Islam in der Herkunftsregion spiele noch heute eine besondere Rolle. „In der Türkei sind die Aleviten keine anerkannte Religionsgemeinschaft. Sie leben in einer Grauzone.“ Aksünger-Kizil zählte auf, was das bedeutet: Sie haben keinen Religionsunterricht, keine theologische Ausbildung und keinerlei religiöse institutionelle Einrichtung mit akademischer Forschung. Das habe auch Auswirkungen auf die neue Situation in Österreich oder Deutschland, wo es heiße: „Organisiert euch nach dem Vorbild der Kirchen.“

Eine große Herausforderung sei die Entwicklung einer alevitischen Theologie. „Wir brauchen Felder in denen wir die historische alevitische Theologie erarbeiten: Wie ist unser Blick auf Mohammed und Ali? Wie sehen wir die zwölf Imame?“ Gefragt sei genauso die praktische Theologie, die der Frage nachgehe: Wie sieht die Ritualpraxis aus? Diese Arbeit im wissenschaftlichen Umfeld und im Dialog mit anderen Religionen und im Dialog mit Gesellschaft und Politik erfordere eine Bandbreite von Aufgaben und Personen. In der alevitischen Theologie gebe es nur Professuren in Hamburg und in Wien. Das geht langfristig nicht, ist Aksünger-Kizil überzeugt.

Aleviten in Österreich und Salzburg

In Österreich leben rund 80.000 Alevitinnen und Aleviten. Seit 2013 sind sie in Österreich als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt. Ein besonderes Merkmal ist die starke Verknüpfung zwischen Religion und Kultur in ihren diversen Ausprägungen. In allen Bundesländern gibt es zusammen 20 bis 25 Vereine. In Salzburg wohnen rund 40 alevitische Familien. Standorte zur Durchführung des für die Aleviten zentralen „Cem Rituals“ (Gottesdienst) befinden sich in Hallein und beim Bewohnerservice in Salzburg-Liefering.

Die Debatte, ob die alevitische Religion zu den islamischen Religionen gezählt wird oder eine eigenständige Religion bildet, bleibt kontrovers. In Österreich fand aus diesem Grund auch eine Spaltung zwischen jenen, die sich islamischen Religionen zugehörig fühlen und jenen, die sich als eigenständige Glaubensrichtung erachten, statt.

10. Empfang der Religionen – Jubiläum 2020

Im Jahr 2011 lud das Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen erstmals zum Empfang der Religionen – aus Anlass des 25-Jahr-Jubiläums des Weltgebetstags für den Frieden (27. Oktober 1986 in Assisi).  Jedes Jahr steht seitdem eine andere Religion im Mittelpunkt.

Der Empfang der Religionen ist eine Kooperation der Universität Salzburg mit der Erzdiözese Salzburg, dem Afro-Asiatischen Institut Salzburg, der Diözesankommission für den interreligiösen und interkulturellen Dialog (DKID), dem Katholischen AkademikerInnenverband (KAV) und dem Institut für Religionspädagogische Bildung Salzburg der Privaten Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein.

Foto 1: Religionsverbindendes Gebet in der Salzburger Kollegienkirche – im Bild ein Vertreter der Aleviten beim Spiel eines Gebetsliedes auf der Kurzhalslaute. / Foto 1: AAI

Foto 2: Festrednerin Univ.-Prof. Dr. Handan Aksünger-Kizil. / Foto 2: Erzdiözese Salzburg (eds)

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