„Die Evangelien dieser Tage allerdings künden uns nicht nur Fröhliches und Seliges.“

 

Predigt von Weihbischof Hansjörg Hofer zum Festtag des Hl. Stephanus

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir feiern Weihnachten, die Geburt unseres Herrn und Retters Jesus Christus. Kein Fest im Kirchenjahr berührt unser Herz so sehr wie dieses. Mit Freude singen wir: „O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit“!
Die Evangelien dieser Tage allerdings künden uns nicht nur Fröhliches und Seliges. Immer wieder klingen auch ernste Töne an. „Er, Christus, kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11), hat es gestern am Christtag geheißen; und am Fest der Unschuldigen Kinder: „Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten“ (Mt 2,13); jenes Kind, von dem der greise Simeon sagt: „Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird“ (Lk 2,34).
Es ist also keineswegs ein Stilbruch, sondern eine Konsequenz aus der Weihnachtsbotschaft, wenn die Kirche heute, am 2. Weihnachtsfeiertag, das Fest des hl. Stephanus feiert, des ersten Blutzeugen für Christus.

Stephanus war, wie gesagt, der erste Märtyrer für Christus. Märtyrer heißt übersetzt „Zeuge“. Ein Märtyrer ist jemand, der für Christus Zeugnis ablegt und zwar bis zum Vergießen des Blutes, eben bis zum Tod. Deswegen werden die Märtyrer auch „Blutzeugen“ genannt. Und das hat Stephanus getan: Er ist für Christus in den Tod gegangen. Bevor er gesteinigt wurde, rief er: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 6,55f). Und allein deswegen, weil er für Christus, den Menschensohn, eingetreten ist, musste er sterben.
In meiner Schulzeit habe ich einmal eine Spruchkarte bekommen, die mich sehr lange, wirklich viele Jahre begleitet hat. Der Spruch auf dieser Karte hat geheißen: „Wer Christus folgt, der wird wie er ein Zeichen, dem man widerspricht!“ Dass dies stimmt, haben - seit Christus geboren wurde -, leider Gottes viele, ja unzählige Menschen erfahren und auch erleiden müssen.In der Zeit des jungen Christentums mussten jene, die sich offen zu Christus bekannt haben, oft mit dem Tod rechnen. Denken wir nur an die grausamen Christenverfolgungen unter den römischen Kaisern.

Was aber das Erschütternde ist:

Alles das gibt es auch heute! Bei uns in Westeuropa droht uns Christen höchstens Spott und Hohn. Aber in anderen Teilen der Welt werden Menschen einzig und allein deswegen, weil sie Christinnen und Christen sind, diskriminiert, schikaniert, bedroht, verfolgt und leider Gottes nicht wenige auch ermordet. Und das in steigendem Maße. D.h. die Verfolgung der Christen nimmt weltweit zu! Zurzeit sind es mehr als 245 Millionen Christen, die in ca. 60 Ländern wegen ihres Glaubens benachteiligt, bedrängt, verfolgt und auch getötet werden.
Das heißt im Klartext: Christsein war noch nie so gefährlich wie heute! Und es sind wohlgemerkt die Christen, die am härtesten verfolgt werden! Weltweit richten sich 80% aller religiöser Angriffe gegen die Christen. Besonders schlimm trifft es unsere Glaubensgeschwister in Asien. Dort leidet jeder dritte Christ, bzw. jede 3. Christin unter Verfolgung. Ich nenne nur ein Beispiel: 2003 lebten im Irak 1,4 Millionen Christen, heute sind es nur noch 300.000! Das Christentum ist also jene Religion der Welt, die am meisten verfolgt wird.

Und was dabei besonders tragisch ist:

all diese verfolgten Christinnen und Christen fühlen sich vom christlichen Westen, d.h. von uns im Stich gelassen! Leider Gottes stimmt es, dass wir alles das bei uns kaum wahrnehmen. Und wenn wir es wahrnehmen, gehen wir sehr bald wieder zur sog. Tagesordnung über oder? Das mindeste wäre doch wohl, dass wir uns für unsere verfolgten Glaubensgeschwister interessieren und sie durch unser solidarisches Gebet stärken.

Das Zeugnis für Christus bis zum eigenen Tod ist also auch in unseren Tagen für allzu viele bittere Realität und traurige Wirklichkeit. Unsre verfolgen Geschwister im Glauben würden zu Recht viel mehr Aufmerksamkeit verdienen - auch von uns! Stephanus war, wie gesagt, der erste, der sein Zeugnis für Christus mit dem Tod bezahlt hat.
Stephanus aber hat auch davon Zeugnis abgelegt, dass vergeben seliger ist als vergelten! Die letzten Worte vor seinem Tod haben geheißen, wir haben es in der Lesung gehört: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ Auch darin ist er seinem Herrn und Erlöser Jesus Christus ähnlich geworden, der am Kreuz ebenfalls für seine Verfolger gebetet hat (vgl. Lk 23,34). Gerade auch diese Vergebung ist somit ein Teil des christlichen Zeugnisses, das Stephanus gibt. Hätte er seine Verfolger im Augenblick seines Todes verflucht, dann wäre ihm wohl kaum ein Ehrenplatz unter den christlichen Vorbildern sicher gewesen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Der sog. Normalfall der Liebe ist die Treue. Die Höchstform der Liebe aber ist die Vergebung! Ich meine: im Blick auf den hl. Stephanus wird uns dies wieder eindrucksvoll bewusst. Die Höchstform der Liebe ist Vergebung. Dass vergeben seliger ist als vergelten, können wir von Stephanus wohl alle lernen!
„Ich sehe den Himmel offen“, hat Stephanus sterbend bekannt!
Der Himmel ist deswegen offen, weil ihn Gott durch die Menschwerdung seines Sohnes für alle aufgestoßen hat. Und das schenkt uns Hoffnung und Zuversicht.

Bitten wir nun das Kind in der Krippe, dass auch wir in Treue zu ihm zu stehen vermögen. Und vergessen wir nicht zu danken, da wir unseren Glauben an Christus frei und ohne Behinderung leben können. Beten wir aber auch für alle, die in unseren Tagen wegen ihres Glaubens an Christus verfolgt werden.
Und so bitten wir den hl. Stephanus: halte deine schützenden Hände über uns und alle, die wegen ihres mutigen Glaubenszeugnisses leiden müssen! Amen.

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