"Diese Flüchtlinge sind integrierbar"

 

"Syrien ist eine säkular geprägte Gesellschaft mit starker Bildungstradition", so Dietmar Winkler, Dekan der Salzburger Theologischen Fakultät

 

SALZBURG (10.11.2015 eds/kap) /Bisher haben 2015 in Österreich 65.000 Menschen um Asyl angesucht, die meisten von ihnen kommen aus Syrien. Trotz kultureller und religiöser Unterschiede sind nach Ansicht des Syrien-Experten und Dekans der Salzburger Theologischen Fakultät Dietmar Winkler "diese Flüchtlinge aber integrierbar". Die Entwicklung einer neuen Parallelgesellschaft, die der seit der Immigration türkischer Gastarbeiter in den 1960er und 1970er Jahren entstandenen ähnle, hält er für unwahrscheinlich. Zwar sei auch die Mehrheit der Bevölkerung in Syrien muslimisch, "aber es war eine säkular geprägte Gesellschaft. Diese hat noch dazu eine starke Bildungstradition", so die Einschätzung des Dekans in einem Interview mit den "Salzburger Nachrichten" (SN; Dienstag).

Seit 2011 tobt der Bürgerkrieg in Syrien. Die Syrer, die jetzt nach Europa aufbrechen, fliehen vor der Terrormiliz "Islamischer Staat" oder dem Militärdienst im Assad-Regime. "Ganz allgemein sind die meisten davon wohl säkular orientiert", würden aber "die Wunden des Krieges" in sich tragen, die sie anfällig für die Bemühungen salafistischer Prediger machten. Vor allem dort, wo Bildung und Zukunftsperspektiven fehlten, fänden die radikalen Prediger offene Ohren, sagte der Syrien- und Ökumeneexperte.

Winkler kennt die Situation in Syrien. Seiner Ansicht nach bringen die Kriegsflüchtlinge aus dem arabischen Land die besten Voraussetzungen für eine gelungene Integration mit sich: "In Syrien existierte bis zum Bürgerkrieg ein hoch entwickeltes Bildungssystem, in dem die Inhalte nicht von der Religion bestimmt wurden und das Offenheit gegenüber der Kultur des Abendlandes zeigte."

Die Einschulungsrate habe vor Kriegsausbruch bei 99 Prozent gelegen, die Alphabetisierungsrate bei 85 Prozent. "Die Schulpflicht umfasste neun Schulstufen, wobei ab der ersten Klasse Englisch, ab der siebten Klasse Französisch Pflichtgegenstand war. In Damaskus, Latakia, Homs und Aleppo gab es moderne Universitäten mit insgesamt 200.000 Hörern, darunter rund 8.000 Austauschstudenten", schilderte Winkler die Situation vor dem Krieg. Ähnliches gelte auf für den Irak.

Kurz nach Kriegsausbruch sei das Bildungssystem zusammengebrochen. Seither bestehe in beiden Ländern die Gefahr, "dass eine Generation ohne Bildung aufwächst - und dann leichter Opfer extremistischer Botschaften wird". Oberstes Gebot der österreichischen Integrationspolitik müssten deshalb Bildung und die Schaffung von Zukunftsperspektiven sein.

Mit den Gastarbeitern aus der Türkei sei diese Situation kaum zu vergleichen. Die Menschen, die von der Türkei aus nach Österreich immigriert waren, "kamen aus zentralen und östlichen Landteilen und wurden für Arbeiten mit niedriger Qualifikation angeworben (...) Ich kenne diese Gebiete von Forschungsreisen: Es handelt sich um ländliche Regionen mit einfacher dörflicher Struktur. In kleinen Häusern wurde abends das Wohnzimmer zum Schlafraum umfunktioniert." Außerdem "kommt ein Gastarbeiter zunächst nicht, um zu bleiben, sondern um zeitlich befristet zu arbeiten". Das Bedürfnis zur Integration sei zumindest in der ersten Generation nicht unbedingt gegeben gewesen.

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