Elisabeth Birnbaum: „Mehrdeutige“ Bibel schult im Umgang mit Vielfalt

 

Größte österreichische Seelsorge-Fortbildungsveranstaltung nimmt bis 11. Jänner in Salzburg-St.Virgil Heilige Schrift in den Blick

 

SALZBURG (eds-9. 1. 2020) / Sich der Bibel zuzuwenden, kann gerade in der heutigen pluralistischen Zeit eine Schule zum Umgang mit Vielfalt sein: Darauf hat Elisabeth Birnbaum, Direktorin des Katholischen Bibelwerks, im Rahmen der Österreichischen Pastoraltagung hingewiesen. In ihrer Einleitung zur diesmal der Heiligen Schrift gewidmeten Tagung sagte die Expertin, deren Texte seien mehrdeutig und auch in sich plural. Von wichtigen Abschnitten wie der Schöpfungserzählung, dem Exodus und auch vom Leben und Tod Jesu gebe es „mehrere Versionen, die einander ergänzen, aber auch widersprechen“. Und zu allen wichtigen Themen des Lebens finden sich laut Birnbaum in der Bibel unterschiedliche Ansichten, sei es die Frage nach dem Leid, nach der Auferstehung oder der christlichen Nachfolge.

Die Bibel ist nach den Worten der Bibelwerksdirektorin somit ein „Raum, wo um Themen gerungen wird, wo Pluralität gerade nicht verweigert oder vermieden wird, sondern wo unterschiedliche Sichtweisen nebeneinander stehen bleiben dürfen und sollen“. Die Bibel suche nicht schnelle Antworten, sondern lehre Fragen zu stellen und um Lebensthemen zu ringen, sagte Birnbaum, „sie wäre unterschätzt, wenn ihr nur einfache Antworten entrissen würden“.

„Bibel. hören lesen leben“: So lautet das diesjährige Thema der vom Österreichischen Pastoralinstitut (ÖPI) veranstalteten Tagung, die mit rund 370 Teilnehmenden vom Donnerstag bis Samstag, 11. Jänner, im Salzburger Bildungszentrum St. Virgil stattfindet - darunter die Bischöfe bzw. Weihbischöfe Alois Schwarz und Anton Leichtfried (St. Pölten), Manfred Scheuer (Linz), Hermann Glettler (Innsbruck), Werner Freistetter (Militärdiözese), Hansjörg Hofer (Salzburg), sowie der emeritierte Linzer Bischof Maximilian Aichern und Peter Schipka, Generalsekretär der Bischofskonferenz.

Das Motto „Bibel. hören lesen leben“ wählten auch die österreichischen Bischöfe, als sie auf Anregung des Bibelwerks drei Jahre der Bibel ausriefen, die im Advent 2018 begannen, wie Elisabeth Birnbaum erinnerte. Als weiteres ermutigendes Zeichen für eine stärkere Hinwendung zur Bibel bezeichnete sie den weltweiten Sonntag des Wortes Gottes, den Papst Franziskus heuer erstmals für 26. Jänner ausrief. (Infos: www.jahrederbibel.at)

„Vereindeutigung“ der Bibel unmöglich

Birnbaum plädierte für ein Zusammenwirken von drei Leseweisen der Bibel - der bibelwissenschaftlichen, der lehramtlichen und dem persönlichen Zugang -, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürften. Geschehen sei dies, als Theologen mit der historisch-kritischen Exegese die Vorherrschaft der lehramtlichen Bibeldeutung zu korrigieren suchten. „Lange Zeit wurden die Ergebnisse der Bibelwissenschaft ja zensuriert oder verboten“, umso größer sei das Bedürfnis gewesen, sich aus diesen Beschränkungen zu lösen, erinnerte Birnbaum an ein langes Ringen im 20. Jahrhundert.

Das Bestreben, mit unanfechtbaren wissenschaftlichen Methoden „den einen, objektiven Sinn der Bibeltexte zu eruieren“, habe sich jedoch „als uneinholbar herausgestellt“. Eine solche „Vereindeutigung“ sei auch gar nicht wünschenswert, betonte die Bibelwerksdirektorin. „Nicht Eindeutigkeit braucht die Bibelauslegung, sie braucht im Gegenteil den Mut zur Mehrstimmigkeit.“ Damit werde nicht der Willkür das Wort geredet, und es sei auch nicht jede Deutung gutzuheißen, „vor allem nicht, wenn sie Gewalt oder Hass befördert“.

Nicht überlagert werden darf laut Birnbaum die persönliche Bibellektüre. Es sei verfehlt, die Gläubigen einerseits zu ermutigen, die Bibel zu lesen, ihnen aber gleichzeitig zu suggerieren, dass „nur der Bibelexperte den einen Sinn der Bibel zu eruieren imstande“ sei.

Wie vielschichtig die Heilige Schrift ist, verdeutlichte auch das ÖPI im Einladungsfolder: Von einem Stück Weltliteratur und „Bestseller“ ist dort ebenso die Rede wie vom rituellen Gegenstand im Gottesdienst und Gerichtssaal, von einem „Gebrauchsgegenstand“ für Lebensorientierung oder aber davon, dass „man mit ihren Texten auch Weltflucht, Intoleranz und so manchen fundamentalistischen Standpunkt begründen“ könne. Der für das ÖPI in der Bischofskonferenz zuständige Bischof Alois Schwarz bezeichnete die Bibel eingangs als „Drehbuch“, das zum „Mitspielen“ und zur Beteiligung einlade. Die Rolle des Zuschauers „verträgt die Bibel nicht“, so Schwarz.

Bei der Tagung sollen den Teilnehmern aus den Bereichen Seelsorge, Bildung und Religionspädagogik viele unterschiedliche zeitgemäße Zugänge zur Bibel erschlossen werden, so Mitplanerin Elisabeth Birnbaum. Die Palette reiche von „multiperspektivischem Bibelverstehen“ über Liturgie bis zu Textarbeit, von Bibelvermittlung an Kinder über Bibliodrama zu „den Juden“ in den Leidensgeschichten der Evangelien; aufgezeigt werden soll auch, dass die Bibel „humorkompatibel“ ist, wie Birnbaum sagte.

Viele Wege führen zur Bibel

Ein Plädoyer für eine „multiperspektivische Bibelauslegung“ hielt der deutsche evangelische Bibelwissenschaftler Bernd Kollmann. „Es gibt weder die eine richtige Auslegung eines biblischen Textes noch den einen allein gültigen Weg der Bibellektüre“, sagte der an der Universität Siegen lehrende Theologe. Erst eine möglichst große Vielfalt methodischer Zugänge inklusive kreativ-spielerischer Methoden erschließe den Bibeltext in all seinen Facetten „und bringt ihn zum Sprechen“.

Als Beispiele führte Kollmann etablierte Annäherungen wie die historisch-kritische Methode, Rudolf Bultmanns „existenziale“ oder die tiefenpsychologische Bibelauslegung ebenso an wie neuere Zugänge wie Verfremdungen der Bibel durch Sprache, Kunst und Popmusik oder die „genderorientierte Bibelauslegung“, die Geschlechterrollen kritisch hinterfragt.

Kollmann verwies allerdings auch auf deutsche Studien, die den schwindenden Stellenwert des Lesens und gerade auch der Bibel unter jungen Leuten belegen: Nur rund 7 Prozent der unter 30-Jährigen hätten bereits 2005 angegeben, regelmäßig oder sporadisch zur Bibel zu greifen. Eine diesen Bedeutungsschwund illustrierende Seitenbemerkung machte der Bibelwissenschaftler über den deklariert gläubigen österreichischen Fußballstar David Alaba: Ein YouTube-Video, in dem er Psalm 23 liest, sei nach zwei Jahren 32.000 mal angeklickt worden, ein zur gleichen Zeit online gestelltes mit Alabas Lifestyle als Thema aber 700.000 mal.

Im weiteren Verlauf der Pastoraltagung sind u.a. Dreiergespräche vorgesehen, an denen mit Hermann Glettler und Werner Freistetter auch zwei Bischöfe zu Wort kommen. Themen sind dabei „Die Bibel als Seele der Pastoral?“, „Gewalt und Konflikt“ sowie „Heil und Heilung“ in der Bibel. Der deutsche Priester und Buchautor Andreas Knapp setzt mit Ausführungen über die Bibel als den besten Reiseführer am Samstag den inhaltlichen Schlusspunkt. (Info: www.pastoral.at/pastoraltagung)

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