Es braucht das Du Gottes

 

Im Interview mit dem Rupertusblatt erinnert Erzbischof Franz Lackner an ein vergessenes Prinzip: Mit Grenzen leben zu lernen

 

RB: Herr Erzbischof, Sie haben ein ereignisreiches Jahr hinter sich. War es auch ein gutes?

Erzbischof Lackner: Ereignisreich, in der Tat. Gleich zu Jahresbeginn musste ich als apostolischer Visitator in der Diözese Gurk-Klagenfurt immer wieder nach Kärnten reisen, Gespräche führen, Materialien sammeln; die ersten Monate waren somit intensiv. Mit der Übermittlung des Visitationsberichts nach Rom war mein Dienst zwar beendet, aber ich hatte ja in meiner eigenen Diözese allerhand Termine und Verpflichtungen, die auf mich warteten. Persönlich habe ich die vergangenen Monate als sehr intensiv erlebt. In unserer Erzdiözese ist vieles im Wandel, Weichen werden gestellt, Samen gesät. Erst später wird sich zeigen, ob sie auch Frucht bringen. War es ein gutes Jahr? Ich bin zufrieden. 

RB: Sie haben die apostolische Visitation angesprochen. Ihr Visitationsbericht liegt derzeit in Rom. Viele Menschen fragen sich, ob er veröffentlicht oder eine Stellungnahme dazu abgegeben wird …

Erzbischof Lackner: Das kann ich nicht sagen. Ich hoffe natürlich, dass eine Reaktion kommt. Ob und inwiefern Inhalte des Berichts öffentlich gemacht werden entscheidet allein Rom; meine Aufgabe ist getan. 

RB: In der Diözese Gurk-Klagenfurt wurde mittlerweile ein neuer Bischof ernannt, Josef Marketz. Wird er der Diözese wieder die nötige Beständigkeit bringen?

Erzbischof Lackner: Ich durfte Josef Marketz nicht zuletzt bei der apostolischen Visitation kennen lernen und habe ihn als um Ausgleich bemühten und verbindenden Priester erlebt. Durch seine vielfältigen Tätigkeiten in der Diözese und zuletzt als Caritas-Direktor hat er Leitungserfahrung und kennt die Diözese, die Kärntnerinnen und Kärntner. All das sind sehr gute Voraussetzungen. 

RB: Auf den Zölibat angesprochen hat der neu Ernannte erwähnt, er könnte sich verheiratete Priester vorstellen – sind Sie mit Marketz einer Meinung?

Erzbischof Lackner: Ich habe in Bezug auf den Zölibat schon oft gesagt: Ich halte die Ehelosigkeit von Priestern für ein kostbares Gut, das es zu bewahren gilt. Priester-Sein muss immer mit einem Mangel behaftet sein. Das Leben erfüllt nicht alle Wünsche; mit Grenzen leben lernen gehört existenziell zum Leben dazu. Unser Dasein ist auch innerhalb von Grenzen lebenswert. Diese Unerfülltheit, diese Offenheit in einem Amt verankert, halte ich sakramental für enorm wichtig: Wo sonst so ein Zeichen der Hingabe? 

RB: Mit Blick auf die Amzoniensynode werden wohl in Zukunft in manchen Regionen Ausnahmeregelungen getroffen werden?

Erzbischof Lackner: Dass eine universale Kirche dennoch auf Gegebenheiten außerhalb ihrer vorgegebenen lehrmäßigen Verfasstheit reagiert, halte ich für ein Gebot der Stunde. Kirche darf das und muss das, es ist ihre Aufgabe und ihr Auftrag. Insofern freue ich mich, dass die Kirche die eucharistische Not in Amazonien wahrnimmt und darauf eingeht. Aber wir dürfen diese Not nicht für eigene Ziele oder Wünsche instrumentalisieren. Der Zölibat wird – hier wie dort – die Grundform priesterlichen Lebens bleiben, darauf hat auch Kardinal Schönborn immer wieder hingewiesen. 

RB: In der Erzdiözese war im vergangenen Jahr das Thema „Schule“ sehr präsent. Die Erzdiözese ist sowohl bei der Volksschule Schwarzstraße, bei der BAfEP als auch bei der Neuen Mittelschule in Goldenstein im Gespräch, die Schulträgerschaften zu übernehmen. Gibt es dazu schon Neuigkeiten?

Erzbischof Lackner: Zu diesem Thema hat es in letzter Zeit immer wieder Gerüchte gegeben, die auch medial verstärkt wurden und zu Irritationen führten. Grundsätzlich sind wir als Erzdiözese natürlich daran interessiert, dass christliche Schulen weiterhin unter kirchlicher Trägerschaft bleiben. Wir werden uns im Bildungssektor auch zukünftig verstärkt einbringen – Bildung ist ein Kernauftrag von Kirche. 

Zugleich müssen wir mit den uns anvertrauten Geldern verantwortungsbewusst umgehen und wirtschaften. Bezüglich einer möglichen Übernahme der angesprochenen Schulen habe ich schon mehrfach betont: Wir versperren uns nicht, aber man muss uns mit unseren Ressourcen und Motivationen ernst nehmen. So große Entscheidungen müssen auf verschiedenen Instanzen diskutiert und argumentiert werden. Die Letztinstanz sind der Diözesankirchenrat und das Konsistorium. So versuchen wir verantwortungsvoll mit derartigen Themen umzugehen. Derzeit wird geprüft, Gespräche werden geführt.

RB: Als zuständiger Bischof für Ehe, Familie und Lebensschutz in der Österreichischen Bischofskonferenz hat Sie in den vergangenen Wochen auch das Thema Leihmutterschaft beschäftigt. 

Erzbischof Lackner: Ja. Ich nehme wahr, dass bei diesem Thema immer wieder versucht wird, über Umwege die gesetzlichen Bestimmungen zu umgehen. Die Haltung der Kirche hierzu ist ganz klar: Der Körper einer Frau darf nicht zur Dienstleistung werden, ein Kind nicht zum Produkt. Wenn Leben zur Ware wird, bleiben Menschenrechte auf der Strecke. In Österreich ist Leihmutterschaft verboten – das muss auch so bleiben und gesetzlich geschützt werden. 

RB: Was würden Sie Ehepaaren und Familien mit ins neue Jahr geben?

Erzbischof Lackner: Ehepaare erzählen mir immer wieder, wie Beziehung und Familienleben im Alltag auf der Strecke bleiben. Wenn sich fast alles im Leben um die Arbeit, um Leistung, ums Geld dreht, was bleibt dann für die Familie? Ich selbst merke es an meiner Beziehung mit Gott: Man muss sich die Zeit nehmen für den anderen, für das Gebet. Und ich höre, auch Eheleuten geht es so: Erst die ehrliche Auseinandersetzung mit dem anderen schafft eine tiefe Innerlichkeit, eine aufrechte Liebe. 

RB: Papst Franziskus hat 2015 in Laudato si den Kurs beim Umweltthema vorgegeben. Spätestens seit der Amazonas-Synode sind der Klimawandel und der Umgang der Kirche mit der Schöpfung in aller Munde. Welche konkreten Maßnahmen wird es in der Erzdiözese geben?

Erzbischof Lackner: Ich glaube, beim Thema Schöpfungsverantwortung bedarf es einer globalen Nachdenklichkeit. Wir können nicht immer aus dem Vollen schöpfen. Das gilt nicht nur für unseren Umgang mit der Natur, sondern für alle Bereiche unseres Lebens, in denen wir Verantwortung tragen: im sozialen, im ethischen und religiösen Bereich; so wird man auch von einer Ökologie des Glaubens sprechen dürfen: Glaube wird heute oft inflationär und unverbindlich, als ob das „Ich“ allein glauben könnte; es braucht aber das Du Gottes. 

Die Bibel spricht von einer klaren Schöpfungsverantwortung: Den Garten Eden gilt es zu hüten; das meint nicht Ausbeutung, sondern Pflege und Umsorgen. Die Erzdiözese widmet sich der Frage nach Nachhaltigkeit schon seit geraumer Zeit, und das auch mit erheblichen finanziellen Mitteln. Wir haben eine Umweltreferentin, die mit vielfältigen Projekten betraut ist; die „Faire Pfarre“, ein Umweltsiegel für nachhaltig agierende Pfarren, ist nur ein Beispiel. Im Zuge von Salzburg 2050, einer Vereinbarung mit dem Land Salzburg, sind wir außerdem gerade dabei, bestehende Öl- und Gasheizungen umzurüsten, eine Beschaffungsordnung zu erstellen; der Kauf von E-Autos ist im Gespräch. Auch Bauprojekte werden künftig auf ihre Nachhaltigkeit geprüft. 

Das Thema wird uns in Zukunft mehr beschäftigen – aber wie bei so vielen Fragen: Große Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen und wollen sorgfältig geplant und begleitet sein. 

RB: Der Jahreswechsel bietet auch immer Gelegenheit, nach vorne zu schauen. Haben Sie eine Neujahrsbotschaft für unsere Leserinnen und Leser?

Erzbischof Lackner: Ich weiß nicht, wer diesen Ausspruch geprägt hat: „Wenn Gott für unsere Zeit einen Namen hätte, er müsste wie eine Frage klingen.“ Ich bin ein Liebhaber von Fragen; aus ihnen erwachen Sehnsucht und Aufbruch. Wir könnten im neuen Jahr Antworten suchen: Was macht uns als Menschen aus? Was ist unsere tiefste Sehnsucht? Was ist uns der Verzicht wert? Und: Wo sind die leeren Krippen in meinem Leben, wo will Gott bei mir ankommen?

RB: Hat ein Erzbischof von Salzburg auch Vorsätze? 

Erzbischof Lackner: Ich habe mir vorgenommen, mich noch mehr und mit ganzem Herzen für die lebensfreundliche und lebensdienliche Botschaft unseres Herrn Jesus Christus einzusetzen, damit sie für die Menschen heute fruchtbar wird. Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich für das neue Jahr diese Erfahrung: Gott im eigenen Leben zu entdecken, den Samen des Glaubens aufgehen zu sehen.               

 

 

 

 

 

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