Gewalt macht im Advent keine Pause

 

Eine von drei Frauen hat mindestens einmal Übergriffe erfahren. Auch in Österreich

 

Hallein, Wien. Der Fünffach-Mord in Kitzbühel machte besonders betroffen: Ein offenbar zurückgewiesener Ex-Freund löschte im Oktober seine Verflossene, ihre Familie und den neuen Partner der jungen Frau brutal aus. Meist sind es Männer, die zu Tätern werden. Meist ist es das eigene Zuhause, das zum Tatort wird.
Ein Blick in die Kriminalstatistik zeigt, dass in Österreich im vergangenen Jahr 41 Frauen umgebracht wurden. Im selben Jahr kam es zu 936 angezeigten Vergewaltigungen; das ist ein Plus von 14,6 Prozent gegenüber 2017 (817 Anzeigen).

Doris Weißenberger, Leiterin im Frauenhaus Miriam in Hallein, bereitet sich mit ihrem Team auf den Advent vor. Wie gefeiert wird? „Je nach Zusammenstellung der Frauen bei uns gibt es an den Sonntagen kleine Adventfeiern. Je nachdem, was die Frauen brauchen und was auch sinnvoll ist. Nicht fehlen darf unser Nikolaus, der zu den Kindern kommt. Wir kennen ihn gut, er ist ein entzückender Darsteller“, sagt sie.

Grundsätzlich seien alle Feiertage – Geburtstage oder Festtage in anderen Religionen und Kulturen – hochemotionale Anlässe. „Sie erinnern unsere Frauen oft an ihre Kindheit oder an Gewalterfahrungen in ihren Beziehungen, vor denen sie fliehen mussten“, erklärt Weißenberger. Der Heilige Abend sei für viele besonders aufgeladen. Die Bescherung ist dann ein Lichtblick.

Gerade im Advent schaut die Frauenhaus-Leiterin mit Dankbarkeit und Freude auf die Menschen in der Region. Da nach wie vor Sparen angesagt ist und Nachtdienste derzeit nur durch Spenden besetzt werden können, lobt sie die Bevölkerung: „Der Rückhalt ist enorm. Es ist toll, wie uns die Menschen gegenüberstehen.“

Wie Liebesschwüre und Gewalt wechseln

„Gewalt geht alle an“, sagt Psychologin Beate Wimmer-Puchinger, Präsidentin in ihrem Berufsverband. 

RB: Wieso bleiben viele Frauen in Beziehungen, in denen Männer sie schlagen oder psychisch quälen?
Wimmer-Puchinger: Zum Teil sind das Frauen, die wenig Selbstbewusstsein haben, die zu Opfern werden. Sie nehmen die Schuld für Schläge auf sich und hadern, ob sie die Suppe nicht wirklich heißer hätten servieren oder statt den Mann zu kritisieren still hätten sein sollen. Zum Teil sind das Frauen, die finanziell total von ihren Partnern abhängig sind und glauben, sie deshalb nicht verlassen zu können.

RB: Und die Männer?
Wimmer-Puchinger: Bei Tätern beob-achte ich, dass sie oft ein extrem pseudo-maskulines Verhalten an den Tag legen. Sie sind laut und aggressiv nach außen. Nach innen sind sie ganz schwach und sofort in ihrer Eitelkeit verletzt. Viele haben als Kinder selbst Gewalt erfahren.

RB: Was ist für Frauen zu tun, um nicht in eine Gewaltspirale kommen?
Wimmer-Puchinger: Augen auf bei der Partnerwahl. Schauen Sie in seine Vergangenheit. Wie ist er aufgewachsen? Das sagt oft schon viel aus.

RB: Trägt die #metoo-Debatte dazu bei, dass Frauen mehr Fälle anzeigen?
Wimmer-Puchinger: Auch davor habe ich bemerkt, dass Frauen selbstbewusster werden und sich nicht mehr alles bieten lassen. Es gehört nicht mehr zum „Schicksal“, von Männern jahrzehntelang geschlagen und klein gemacht zu werden.

 

In Salzburg gibt es in der Landeshauptstadt, in Hallein sowie in Saalfelden Frauenhäuser. Kufstein bietet Notwohnungen für Frauen. Kontakt: www.aoef.at. Belästigung und Beleidigung nehmen auch im Netz zu. Hilfe: www.zara.or.at.

 

Foto: Häusliche Gewalt kennen viele Frauen in Österreich. Jede dritte hat bereits selbst Übergriffe erlebt. Frauenhäuser und Psychologen helfen, aus dem System auszubrechen.
Foto: RB/Shutterstock

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