Glaube heißt nichts wissen?

 

Tagung in St. Virgil über die Beziehung von Naturwissenschaft und Glaube

 

SALZBURG (eds/kap-8. 3. 2019) / Einen interreligiösen Blick auf die Beziehung von Naturwissenschaft und Glaube warf eine internationale Tagung im Salzburger Bildungszentrum St. Virgil. Neben aktuellen Erkenntnissen in unterschiedlichen Bereichen der Naturwissenschaften gingen die Teilnehmenden Spannungsfeldern und Vermittlungsversuchen auf den Grund. Bischof Werner Freistetter zeigte sich in seinen Begrüßungsworten fasziniert vom „Grenzbereich zwischen Naturwissenschaft und Religion“. Die praktische Anwendung naturwissenschaftlicher Errungenschaften stelle die Menschheit immer wieder vor gewaltige Herausforderungen, die nur aus den Wissenschaften heraus nicht zu bewältigen seien. Der Bischof verwies dabei etwa auf die Nutzung der Atomkraft. 

„Wir brauchen die Religion, um die Gesamtheit der Welt zu erfassen“

Die Tagung stand unter dem Motto „Glaube heißt nichts wissen“. Professor Siegfried Scherer, Lehrstuhl-Inhaber für Mikrobielle Ökologie an der Technischen Universität München, hielt in seinen Ausführungen fest, dass die Naturwissenschaft weder die Welt erklären noch ethische Fragen beantworten könne. Gott wohne nicht in den unbeantworteten Fragen der Evolutionsbiologie, sondern entziehe sich „unserem intellektuellen Zugriff“. Scherer zeigte sich davon überzeugt, dass die Welt nur in einer Zusammenschau von Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft und Glaube erfasst werden kann. Die Naturwissenschaft alleine sei daher nicht der einzige Zugang zur Wirklichkeit. „Wir brauchen die Religion, um die Gesamtheit der Welt zu erfassen und zu verstehen“, so Scherer. 

Für Professor Reinhold Esterbauer vom Institut für Philosophie an der Katholisch Theologischen Universität in Graz hat der Mensch mit der Evolutionstheorie seine Verortung verloren. Er sei damit nicht mehr im Zentrum des Universums und der Natur. Gott sei als Wirkmacht in der Welt von heute vermeintlich obsolet, so der Theologe und Philosoph. Der Mensch sei ein Vagabund am Rande des Universums und habe keine Orientierung mehr. Ihm fehle der Kompass. 

Um diesen defizitären Zustand zu kompensieren, strebe der moderne Mensch nach Objektivität. Daher stehe die Naturwissenschaft heute hoch im Kurs, denn sie liefere Daten und Fakten. Darauf vertrauten viele. „Die Naturwissenschaft ersetzt die Religion“, erklärte Esterbauer: „Das Gehirn ersetzt den Geist.“ Er plädiere freilich dafür, dass sich Naturwissenschaft und Glaube nicht gegenseitig ausschließen. Eine Vermittlung sei möglich.

Weitere Vortragende bzw. Diskutierende waren unter anderem der Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Willy Weisz, der Buddhist und Lehrer Kurt Kramer und die Vize-Direktorin des Islamischen Forums Penzberg Gönül Yerli. Die Tagung wurde vom Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen der Universität Salzburg, der Kommission Weltreligionen der Österreichische Bischofskonferenz und dem Bildungszentrum St. Virgil Salzburg veranstaltet.

Foto: Tagungsfolder/St. Virgil

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