Individualität und auch Konformität achten

 

Erzbischof Franz Lackner feiert traditionellen Gottesdienst am Eröffnungstag beim Europäischen Forum Alpbach

 

ALPBACH (eds/kap-7. 8. 2019) / „Sicherheit und Freiheit“, das Thema des diesjährigen Europäischen Forums in Alpbach, bedürfen zweier „Orientierungsmarkierungen“ – oder wie der Salzburger Erzbischof Franz Lackner diese am Eröffnungstag nannte – „Leuchttürme“, die für Individualität und Konformität stehen. Beim Sonntagsgottesdienst in der Pfarrkirche des Tiroler Bergdorfes nannte Lackner in seiner Predigt zum einen das Gewissen als die letzte persönliche Instanz der Unterscheidung zwischen Gut und Böse, zum anderen Institutionen der Allgemeinheit.

Diese beiden Leuchttürme stünden sich gegenüber und befänden sich in einem Spannungsverhältnis, „sie heben sich jedoch nicht gegenseitig auf, kommunizierenden Gefäßen gleich bedingen sie aneinander“, betonte der Erzbischof. Wie beim Verhältnis von Gewissen und Glaubenslehre gelte es beides zu beachten und keine Seite davon absolut zu setzen. „Fundamentalismen bleiben immer in der Einseitigkeit“, wies Lackner hin.

Bei der Messfeier am „Tiroltag“ des Forums in Alpbach begrüßte der Erzbischof Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein, den Tiroler Landeshauptmann Günter Platter und den Präsidenten des Forums, Franz Fischler, sein Konzelebrant war der Alpbacher Pfarrer Franz Bachmaier. In seiner Predigt betonte der frühere Philosophiepofessor in Heiligenkreuz, dass jeder Mensch unabhängig von Herkunft, Nationalität oder Religion „ein einmalig einzigartiges, nicht wiederholbares Ereignis“ darstelle: „In dieser Einmaligkeit liegt die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit überhaupt.“ Aus dieser Freiheit heraus gelte es ja zu sagen zum Guten, Wahren und Schönen, jenseits von Kategorien wie Konvention, Mehrheitsverhältnisse, Effektivität oder gar einem „Nutzenkalkül“, sondern allein „weil das Wahre, Gute und Schöne in sich Grund genug ist, demgemäß zu denken und zu handeln“.

Gesellschaft braucht religiöse Werte

Erzbischof Lackner zitierte den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski (1927-2009), der als einstmals glühender Marxist angemerkt hatte: „Offensichtlich können einzelne hohe moralische Standards aufrecht erhalten und zugleich areligiös sein. Dass Zivilisationen das auch können, bezweifle ich.“ Lackners Schlussfolgerung: Eine Gesellschaft mit dem Anspruch hoher moralisch-ethischer Standards brauche institutionell und allgemein verankerte Werte, „braucht letztlich Religion“. Universale Menschenrechte seien ebenso unverzichtbar wie etwa der kategorische Imperativ Immanuel Kants oder die Goldene Regel der Bergpredigt.

Gerade bei der Bewältigung von schweren Schicksalsschlägen zeige sie die Bedeutsamkeit des gemeinschaftlich gepflegten religiösen Ritus, wies Lackner hin. Es sei tröstlich und Sicherheit gebend zugleich, „wenn uns das durch Jahrhunderte geprägte Ritual den Weg weist“.

Auch das Neue Testament kenne die Bipolarität von Individuum und Gemeinschaft, so Lackner weiter. Nach Jesu eigenen Worten sei er gekommen, vor Entscheidungen zu stellen und dabei auch Gegenpositionen zum Üblichen nicht zu scheuen. „Als gläubiger Mensch braucht es entschiedenes Bekennen, d.h. auch sich abzutrennen“, erinnerte der Erzbischof. Die Herzmitte seiner Verkündigung freilich habe Jesus in der Bergpredigt mit dem Satz formuliert: „Was ihr für einen meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Als auch heute gültige Richtschnur für das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft verwies Lackner auf den in der Verfolgungszeit der Antike entstandenen Diognetbrief, in dem es heiße: „Christen gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten sie durch ihre eigene Lebensform.“ Der Freiheitsraum des gläubigen Menschen ist nach den Worten Lackners „immer auch der Sicherheitsraum für den Nächsten, wie er auch Sicherheitsraum für Gott ist“.

Bis 30. August 5.200 Teilnehmer erwartet

Das Europäische Forum Alpbach ist am Sonntag im Rahmen der traditionellen „Tiroltage“ feierlich eröffnet worden. Der traditionelle Festakt am Dorfplatz stand wie immer im Zeichen der Europaregion Tirol, bestehend aus dem Bundesland Tirol, Südtirol und dem Trentino. Dort sowie anschließend im Congress Centrum standen die Themen Freiheit und Sicherheit im Mittelpunkt, als drittes auch die Klimakrise.

Insgesamt werden in Alpbach bis 30. August rund 5.200 Teilnehmer erwartet, darunter auch heuer wieder prominente Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Unter anderen werden EU-Kommissar Günther Oettinger, der Generalsekretär der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Thomas Greminger, der Direktor der EU-Grundrechteagentur (FRA), Michael O'Flaherty, die Präsidentin der UNO-Generalversammlung, Maria Fernanda Espinosa Garces, der ehemalige UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon und der frühere Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO), Pascal Lamy, das Tiroler Dorf beehren. Von österreichischer politischer Seite nehmen Bundespräsident Alexander Van der Bellen und zahlreiche Mitglieder der Bundesregierung an den Veranstaltungen teil.

Foto: European Forum Alpbach

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