Kardinal Marx: Europa braucht "Synthese aus Religion, Vernunft und Gefühl"

 

 Salzburger Hochschulwochen enden mit Festgottesdienst und Festvortrag

 

Salzburg, 7.8.2016 (KAP/eds) Wenn die Welt - einem oft gehörten Topos folgend - "aus den Fugen" ist, so braucht es umso mehr Menschen, die sich nicht in Aggression oder Depression flüchten, sondern die "tätige Hoffnung" üben und "weltweite Solidarität" zeigen: Das hat der Grazer Altbischof Egon Kapellari bei einer Predigt im Zuge des Festgottesdienstes anlässlich der diesjährigen Salzburger Hochschulwochen am Sonntagmorgen im Salzburger Dom betont. Damit die gegenwärtige Krise mit ihren vielfältigen Bedrohungsszenarien vielleicht gar die "Chance zu einer Erneuerung" wahre, brauche es nicht zuletzt das Glaubenszeugnis von Christen, die auf Gott setzen, "denn das profundeste Wissen über die aktuelle Stärke und Schwäche der Kirche und der Christenheit überhaupt inmitten der Menschheit erschließt sich nur einem ebenso nüchternen wie liebenden Blick mit den Augen des Glaubens", so Kapellari.
(Die Predigt zum Nachlesen finden Sie Hier)

Als Beispiel für ein solcherart zeichenhaftes christliches Zeugnis verwies Kapellari auf den jüngst in Frankreich während eines Gottesdienstes ermordeten Priesters Jacques Hamel. "Er war, er ist ein Mann der Kirche, die zwar viele Runzeln, viele Fehler hat, die sich aber einem vertieften Blick immer wieder und so auch heute als schön und gut gezeigt hat und zeigt".

Tatsächlich sei Gott in Europa noch "millionenfach präsent im Herzen und im Leben unzähliger Christen und ihrer Gemeinschaften", unterstrich Kapellari. Dies gelte es positiv gegen die gegenwärtige Krisenstimmung zu betonen - ebenso wie den Wert des Schönen - auch dieses müsse gerade in einer Welt, die sich als unansehnlich und hässlich präsentiert, immer wieder in Erinnerung gerufen werden: "Das wirklich Schöne hat ein bleibendes Heimatrecht in der Kirche", das nicht durch die diakonische Dimension tätiger Liebe allein ersetzt werden könne.


Europa braucht "Synthese aus Religion, Vernunft und Gefühl"

Beim anschließenden Festvortrag hat sich der Erzbischof von München, Kardinal Reinhard Marx, für eine "neue Synthese aus Religion, Vernunft und Gefühl" angesichts eines europäischen "Epochenwandels" ausgesprochen. Die gegenwärtige europäische Krisensituation stelle Gesellschaft, Politik sowie die Kirchen vor die große Herausforderung, nach neuen Begründungsmustern für eine "Zivilisation der verantwortungsvollen Freiheit" zu suchen. Dieses seit dem Ende des Kommunismus etablierte europäische Selbstverständnis habe "keine Bestandsgarantie" und fordere heute eine Weiterentwicklung - mutig nach vorne blickend, ohne restaurative Tendenzen, so Marx. Dazu könne auch der christliche Glaube und seine eng mit der europäischen Freiheitsgeschichte verwobene Tradition einen wichtigen Beitrag leisten.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz referierte in Salzburg als Festredner zum Abschluss der heurigen "Salzburger Hochschulwochen". Diese hatten vom 1. bis 8. August zum Thema "Leidenschaften" stattgefunden.

Im Kern der gegenwärtigen Krisensituation, die man bis in Konflikte auf familiären Ebenen hinein nachverfolgen könne, lasse sich laut Marx ein Missverhältnis von Glauben, Vernunft und Gefühl ausmachen. So sei das von dem Politologen Francis Fukuyama Anfang der 1990er-Jahre ausgerufene "Ende der Geschichte" letztlich in ein Ende der großen Erzählungen gemündet, die Europa über Jahrhunderte geprägt und zivilisiert hätten - dazu zählten auch jene großen biblischen Erzählungen, die, wie die Gleichnisse oder die Bergpredigt, selbst religiös unmusikalischen Menschen etwas sagen, so der Münchener Erzbischof. Heute würden indes "große Erzählungen" wiederkehren - allerdings in Form von Nationalismus, nationalen Interessen und Identitäten und Abgrenzungen von anderen: "Werden wir es in dieser Situation als Kirche schaffen, eine neue kulturelle Synthese voranzutreiben? Oder erstarren auch wir in der Sorge um Identität?"

Die Forderung nach einer neuen Synthese von Glaube, Vernunft und Gefühl gelte jedoch auch im innerkirchlichen Raum, so Marx weiter, stehe doch die Kirche in der Gefahr, das Gefühl gegenüber dem Verstand überzubetonen. Glaube könne hingegen als Teil einer "Aufklärung über die Aufklärung" verstanden werden, dies müsse man gerade in einem "religiös aufgeheizten Umfeld" immer wieder betonen. "Wer das Evangelium hört, die Botschaft Jesu meditiert, der kann kein Fundamentalist werden", so die Überzeugung des Kardinals. Daher dürfe der Glaube auch "niemals auf die intellektuelle Kraft der Theologie verzichten", die die Glaubensquellen erschließt und erklärt.

Ein konkreter Beitrag der Kirche zu einer weiterzuentwickelnden "Zivilisation verantwortungsvoller Freiheit" könne laut Marx etwa in einer mutigen Fortentwicklung der Pädagogik auch durch die Kirchen bestehen. Zwar pflege man kirchlicherseits ein breites System von kirchlichen Schulen, "aber mir ist nicht bekannt, dass wir uns bei der Entwicklung eines ganzheitlichen Bildungskonzepts bisher sehr hervorgetan haben", so Marx. Ein Ziel müsse etwa darin bestehen, ein "nur instrumentelles Verständnis von Bildung" aufzubrechen.

Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner dankte Kardinal Marx im Anschluss für seinen Vortrag und teilte das Thema der "Salzburger Hochschulwochen" im kommenden Jahr mit. Diese werden vom 29. Juli bis 6. August stattfinden und dem Generalthema "Öffentlichkeiten" gewidmet sein.

An dem akademischen Festakt, der zugleich das Ende der diesjährigen Hochschulwoche darstellte, nahmen zahlreiche Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft teil, darunter der Salzburger Alterzbischof Alois Kothgasser, der Grazer Altbischof Egon Kapellari, der Rektor der Universität Salzburg, Heinrich Schmidinger, der Erzabt von St. Peter, Korbinian Birnbacher, sowie die Äbte Theodor Hausmann (St. Stephan), Johannes Perkmann (Michaelbeuern) und Benno Malfer (Muri-Gries bei Bozen), sowie der Zuständige für Hochschulpastoral in der Deutschen Bischofskonferenz und Weihbischof von Münster, Wilfried Theising.


"Salzburger Hochschulwochen" 2017 zum Thema "Öffentlichkeiten"

Erzbischof Franz Lackner teilte beim Festakt zum Ende der heurigen Hochschulwoche am Sonntag in Salzburg mit: Im kommenden Jahr werden die "Salzburger Hochschulwochen" unter dem Generalthema "Öffentlichkeiten" stehen. "Wer wir sind und sein wollen, welche Argumente triftig sind und welche nicht - das sind individuelle und gesellschaftliche Fragen, die durch mediale und nicht-mediale Öffentlichkeiten mitbestimmt werden", heißt es dazu in der Ankündigung. In einer Zeit verschwimmender Grenzen zwischen privat und öffentlich und der Besetzung öffentlicher Arenen durch Populisten werde der "fragile Zusammenhang von demokratischen Prozessen und journalistischen Kulturen" deutlich. Dies stelle auch die Religion vor neue Herausforderungen.

Der im Rahmen der Hochschulwochen vergebene "Theologische Preis" wird im kommenden Jahr an den deutschen Moraltheologen Eberhard Schockenhoff verliehen werden. Heuer war das Forscherpaar Aleida und Jan Assmann für ihr theologisches Lebenswerk ausgezeichnet worden.

Die "Salzburger Hochschulwochen" fanden 1931 zum ersten Mal statt. Ihr Ziel ist es, ein universitäres, interdisziplinäres Forum zu bilden, in dem sich die Theologie dem Dialog über aktuelle Fragen mit säkularen Wissenschaften stellt. Jährlich locken sie bis zu 800 Interessierte aus dem gesamten deutschen Sprachraum nach Salzburg. Die Veranstaltung wird in Kooperation mit der Salzburger Äbtekonferenz der Benediktiner, dem Katholischen Hochschulwerk Salzburg, der Görres-Gesellschaft, der Katholischen Akademikerverbände Deutschlands und Österreichs sowie dem Forum Hochschule und Kirche der Deutschen Bischofskonferenz organisiert.

Seit heuer sind die Hochschulwochen eine Veranstaltungsreihe der Theologischen Fakultät und als solche integriert in die Universität Salzburg. Obmann ist der Salzburger Theologe Prof. Martin Dürnberger, der dieses Jahr erstmals in dieser Funktion auftrat. (Infos: www.salzburger-hochschulwochen.at)

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