„Kirche darf nicht nachhatschen“

 

Zum goldenen Priesterjubiläum: Prälat Balthasar Sieberer blickt zurück und wirft einen Blick in die Zukunft der Kirche

 

SALZBURG (rupertusblatt/eds-27. 6. 2019)

RB: Wie hat sich Kirche in den 50 Jahren, die Sie Priester sind, verändert?
Balthasar Sieberer:
Die Kirche hat in dieser Zeit ein großes Auf und Ab erlebt. Nach dem Konzil war zunächst eine große Aufbruchsstimmung da. Da ist jetzt die Stimmungslage schwieriger. Es gab dann natürlich auch Gegenbewegungen derer, die nicht so begeistert waren, weder von der Liturgiereform, noch von anderen Dingen. Da galt es, die Dinge in Schwung zu halten.
In meiner Studienzeit wurde noch der Pfarrer gefragt, ob man am Sonntag Heuarbeit machen dürfe. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen. Dass alles von der Kirche geprägt ist, hat mit der Freiheit der Menschen abgenommen, aber sie in diesem Sinn zu stärken und zu fördern, war uns nach nachkonziliarer Auffassung immer ein Anliegen, was sich vor allem auch in der Arbeit mit den neu installierten Pfarrgemeinderäteninnen und -räten gezeigt hat. Da war Salzburg Vorreiterdiözese. 

RB: Wie unterscheidet sich die vorkonziliare Kirche von der Kirche heute?
Sieberer:
Leute, die heute in der Kirche sind, sind da sehr bewusst und engagiert, während damals für sehr viele Kirche etwas war, das sich so gehört. Man hat manches als selbstverständlich hingenommen und nicht hinterfragt. Kirche war damals noch sehr priesterzentriert. Der Pfarrer war der Papst im Dorf, mit großem Ansehen und Einfluss. Das war ja nicht schlecht, aber das hat sich sehr gewandelt. Man muss sich inzwischen sehr viel mehr auf das Miteinander von Priestern und Laien einlassen, wenn Dinge lebendig entwickelt werden sollen. 

RB: Wofür stehen Sie als Seelsorger? 
Sieberer:
Auf meinem Primizbildchen stand, dass die Menschen beten mögen, dass ich mit Freimut und offen das Wort Gottes verkünde. Mir war die Verkündigung, die Predigt immer ein wichtiges Anliegen. Der Sonntag muss etwas sein, das die Leute aufbaut, wo sie etwas fürs Leben mitnehmen können. Mein Anliegen war es außerdem immer, die Dinge persönlich zu gestalten. Wir haben in meinen Pfarren etwa die Taufen einzeln vorbereitet und nach Wunsch einzeln gestaltet. Man kommt sonst kaum zu systematischen Hausbesuchen – das schaffst du in einer großen Gemeinde nicht. Aber wenn ich sage, ich gehe bei Anlässen wie einer Taufvorbereitung in die Familien hinein, ich versuche vor allem auch die Kranken zu begleiten, dann lernt man viele Menschen in der Gemeinde kennen und das ist für die Seelsorge ein wichtiger Punkt.
Vor diesem Hintergrund ist in meiner Zeit als Seelsorgeamtsleiter auch die Idee gewachsen, in die Diözese hinauszugehen, im Sinne der Offene-Himmel-Wochen, um den Leuten die Frohe Botschaft zu verkünden und mit ihnen dem Sinn des Lebens nachzuspüren. Begonnen haben wir – zunächst mit einer Dialogveranstaltung – im Oberpinzgau, im Dekanat Stuhlfelden. Da glaube ich, haben wir ein Modell geschaffen, das es in dieser Form vorher nirgends gegeben hat. 

RB: Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche?
Sieberer:
Nach meiner Auffassung bräuchte es längst regionale Synoden oder ein Konzil, um die grundlegende Frage zu klären, wie ich die Gemeinde heute versorge – das geht ja zurück bis in die Apostelgeschichte, dass man sich zusammensetzt und überlegt, was zu tun ist. Man kann nicht einfach strukturell zurückfahren und sagen: „Na gut, machen wir Pfarrverbände, dann kriegt ein Pfarrer vier Pfarren oder fünf oder ein ganzes Tal.“ Da kannst du nicht mehr so nahe an den Menschen sein, wie es nötig wäre. Wenn ich nicht mehr die Priester zur Verfügung habe und gewisse Aufgaben an den Priester gebunden sind, dann muss ich schauen, welche Menschen können noch für diesen Dienst berufen werden. Aber dann muss ich den Mut haben, diese Menschen zu rufen, sie zu qualifizieren und ihnen die Hände aufzulegen, damit sie ihren Dienst tun können. Da hadere ich schon ein bisschen mit dem, was wir in der Kirche auf Leitungsebene zurzeit nicht tun.
Auch in der Gesellschaft hat sich viel entwickelt, etwa in der Frauenfrage. Und da kann die Kirche nicht hinten nachhatschen, sondern müsste sich fragen, was bedeutet diese Entwicklung für uns. Aber es ist noch immer interessant, Seelsorger zu sein und ich hoffe, dass ich noch ein wenig erlebe. Auf manches wird man nur noch hoffen müssen.

 

Zur Person

Prälat Balthasar Sieberer (77) wurde am 28. Juni 1969 zum Priester geweiht. Er wirkte zunächst als Präfekt und Religionslehrer am Erzbischöflichen Privatgymnasium Borromäum, später als Kooperator in Salzburg-Taxham, bevor er 1976 als Pfarrer nach St. Johann im Pongau berufen wurde. Daraufhin leitete der gebürtige Hopfgartner 28 Jahre lang das Seelsorgeamt der Erzdiözese, war ebenso lang Dompfarrer, Domkustos und Salzburger Stadtdechant. Seit 2016 leitet er als Rektor das Bildungszentrum Borromäum. Er war zudem für die Koordination und Leitung des diözesanen Zukunftsprozesses 2018 verantwortlich und stand vielen Gremien vor. 

 

Foto: 50 Jahre Priester – Prälat Balthasar Sieberer hofft, noch einiges an Entwicklungen in der Kirche miterleben zu dürfen.

Foto: RB/sab

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