„Kränkungen sind keine Kleinigkeit“

 

Beim diözesanen Priestertag referierte Gerichtsgutachter Reinhard Haller über „Kränkung und Wertschätzung“

 

 

 

SALZBURG (eds/17. 4. 2019) / Rund 150 Priester und Diakone nahmen am heutigen Priestertag der Erzdiözese Salzburg im Borromäum teil. „Ich freue mich sehr, dass wir einen der renommiertesten Psychiater, Psychotherapeuten und Neurologen als Referenten gewonnen haben, sagte Erzbischof Franz Lackner in seinen Eröffnungsworten. Haller ist bekannt als psychiatrischer Gerichtsgutachter. Er arbeitete unter anderem in den Fällen zu Frauenmörder Jack Unterweger, „Bombenhirn“ Franz Fuchs und Inzesttäter Josef Fritzl mit. Beim Priestertag referierte er über „Kränkung und Wertschätzung – die großen psychologischen Kräfte“.

Kränkung sei keine Diagnose, es gebe keine befriedigende wissenschaftliche Definition, betonte Haller. Für ihn ist sie „eine anhaltende Erschütterung des Selbst und seiner Werte“. Objektiv gesehen ein Nichts, das subjektiv aber die Welt bedeutet, hinter der Fassade bleibt und mit der Zeit eine enorme Wucht gewinnt, bis sie an die Oberfläche dringt. Auch wenn man Kränkungen oft nicht ernst nimmt, als Kleinigkeiten abtut, seien sie „in Wirklichkeit eine psychologische Großmacht“. Kränkungen oder organisiertes Kränken wie Mobbing stünden häufig hinter psychischen Problemen wie Süchten, Burnout oder posttraumatischen Störungen. Auch wenn es um Kriegsauslöser, Erbstreitigkeiten oder den modernen Terrorismus gehe – im Wesentlichen seien diese getrieben durch Kränkungen. „Terrorismus ist nicht ideologisch wie früher, wo man Bankdirektoren treffen wollte. Die Betroffenen, die Attentäter haben das Gefühl, ich bin ausgeschlossen, man mag mich nicht. Psychodynamisch handelt es sich bei Kränkungen immer um Liebesentzug und fehlende Positivresonanz.“

Kränkung könne man aber auch als Chance sehen, betont Haller, dann nämlich, wenn man deeskaliert, die Kränkungsbotschaften analysiert und in die Schuhe des Kränkers schlüpft, könne man eigene Schwachstellen erkennen, die Empathie fördern und die Menschenkenntnis schulen.

Ein ähnliches Schicksal wie die Kränkung teilt nach Haller ihr Gegenstück, die Wertschätzung: Sie werde maßlos unterschätzt, es gebe keine Definition und: „Jeder Mensch will wertgeschätzt werden.“ Gleichzeitig ortet Haller eine Wertschätzungskrise, in der es uns immer schwerer fällt, andere wertzuschätzen, durch den zunehmenden gesellschaftlicher Narzissmus, die Digitalisierung der Emotionalität, die Radikalisierung der Sprache, die Entmenschlichung Arbeitender oder den Umgang mit den Alten. Für ihn gibt es acht Grundregeln der Wertschätzung: aufmerksam sein, die Meinung der anderen achten, ehrlich kommunizieren, verlässlich sein und zu seinem Wort stehen, Dankbarkeit zeigen, richtig loben, Autonomie zulassen und fördern sowie authentisch sein. Wichtig sei diese Wertschätzung auch in der Seelsorge, besonders wenn es um den Einsatz der zahlreichen Ehrenamtlichen in den Pfarren gehe.

Chrisammesse mit 100 Ministranten

Erzbischof Franz Lackner lud am Ende des Tages zur gemeinsamen Feier der Chrisammesse im Salzburger Dom ein, zu der rund 100 Ministrantinnen und Ministranten aus 48 Pfarren gekommen waren. In diesem Gottesdienst, der traditionell am Mittwoch vor Ostern stattfindet, werden die heiligen Öle geweiht, die während des Jahres bei der Sakramentenspendung zur Verwendung kommen. Zudem erneuern alle anwesenden Priester ihre Bereitschaftserklärung zum priesterlichen Dienst.

In seiner Predigt betonte Erzbischof Franz Lackner, dass es unter den Priestern „immer den glühenden Kern der Erinnerung an die Lebensform Jesu geben soll“. Die Zukunft der Kirche werde eine Kirche weniger Priester sein, wie dies auch für das gesamte Volk Gottes gelte. „Die Zukunft der Kirche wird aber auch davon abhängen, wie weit es uns gelingt, die vielen verschiedenen Charismen, Gaben des Hl. Geistes, wahrzunehmen, um gemeinsam für die Menschen, zu denen wir heute gesendet sind, da zu sein“, so Lackner.

 

Foto 1: Für Reinhard Haller sind Kränkungen eine „psychologische Großmacht“.
Foto 2 v. l.: Pfarrer Klaus Erber, Obmann des Priesterrates, mit Reinhard Haller und Erzbischof Franz Lackner.
Foto 3: Rund 100 Ministrantinnen und Ministranten auf dem Weg in den Salzburger Dom.
Fotos: Erzdiözese Salzburg/Neumayr

 

 

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