Lackner: Der Digitalisierung fehlen ethische Bezugspunkte

 

Salzburger Erzbischof bei Pfingstdialog: Ohne unmittelbaren Kontakt fehlt Entscheidendes

 

GRAZ (eds/kap-7.6.2019) / Wie die heute weitgehend ohne Grundlagenforschung auskommende Medizin gilt auch für die digitale Revolution: "Es fehlen vom Ursprung her ethische Bezugspunkte." Darauf wies der Salzburger Erzbischof Franz Lackner am Freitag, dem Schlusstag des diesjährigen Pfingstdialogs "Geist&Gegenwart" im südsteirischen kirchlichen Bildungszentrum Schloss Seggau hin. Fachleute aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Kirche, Kultur und Medien hatten sich drei Tage lang mit dem Thema "Das digitale Europa. No borders, no limits?" auseinandergesetzt. Grenzenlosigkeit statt Selbstbeschränkung und Verantwortung gilt laut dem Salzburger Erzbischof auch für den IT-Bereich: "Man setzt viel zu schnell ein, was man weiß."

Lackner zitierte aus dem Buch "Digitale Ethik" von Sarah Spiekermann, wonach Begegnungen, Gespräche, Auseinandersetzungen heute vornehmlich digital bzw. medial vermittelt geschähen. "Das intuitive Element gehe dabei verloren", befürchtet der Erzbischof. Er verwies auf den mittelalterlichen Franziskanerphilosophen Duns Scotus, für den Erkenntnis "unmittelbaren Kontakt" voraussetzt. Auch abstrakte Abhandlungen beendete Duns Scotus mit den Worten: "Sicut patet intuendi - wie es dem Schauenden offen steht." Die letzte Wirklichkeit sei nicht begrifflich zu fassen, sondern schauend und hörend, erläuterte Lackner. "Für das menschliche Zusammensein ist das unersetzbar."

Die "Big-data-Ideologie" gehe einen anderen Weg - den der Quantität. "Der Einzelne in seiner Einmaligkeit, in seiner nicht berechenbaren Einzigartigkeit, wird auf diesem Wege nicht erkannt", gab Lackner zu bedenken. "Er verschwindet von Bildfläche."

Die Vorteile dieser neuen Technologie seien augenscheinlich und vor allem massentauglich, anerkannte der frühere Philosophieprofessor. Eine Welt von Arbeitserleichterungen und Unterhaltungsmöglichkeiten tue sich in den unterschiedlichsten Lebens- und Gesellschaftsbereichen auf - in der Kommunikation, in der Terminplanung, beim Einkauf, in der Finanzwelt oder auch nur beim Navigieren im Straßenverkehr. Dem stünden allerdings auch die beschriebenen Schattenseiten gegenüber.

"Vom Menschen keine Ahnung"

Er selbst sei kein IT-Experte, so Lackner, "diese Welt birgt für mich weit mehr Ärger, Unverständnis und Orientierungslosigkeit als Hilfe und Freude. Ich suche immer noch lieber in Lexika und Büchern als im Internet." Dennoch sei das Digitale allgegenwärtig, wenn auch gelte, was der Universalhistoriker Yuval Noah Harari in einem Interview kürzlich festgestellt habe: Die Schöpfer der digitalen Riesen wie Facebook oder Google seien grandiose Entwickler und Techniker, "aber von Philosophie und der Psychologie des Menschen haben sie keine Ahnung".

Zuletzt gab der Erzbischof dem Auditorium einige Imperative mit auf den Weg, die dem faustischen Bestreben des Immer-Mehr zuwiderlaufen: Dass jede Möglichkeit auch Wirklichkeit werden muss, sei "kein christlicher Grundsatz", betonte Lackner. Es sei nicht angemessen, alle Möglichkeiten ausschöpfen zu wollen, es gelte auch mit unerfüllten Wünschen leben zu lernen und "Mut zur Selbstbeschränkung" zu haben. Ein weiterer Appell Lackners: "Übernimm Verantwortung für dein Tun und Dein Denken." Es gebe eine letzte Verantwortlichkeit, "einen Selbstbehalt, den wir nicht delegieren können". Und es gebe eine letzte Instanz, die an die Menschen den Imperativ richte: "Denkt um! Kehrt um!"

 

Foto: Erzbischof Franz Lackner / Foto: Erzdiözese Salzburg/Neumayr

Zurück