Lesungen und Kommentar zum Sonntag, 18. Oktober 2015

 

29. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

 

Jesus war ein guter Lehrer, aber er hatte schlechte Schüler, und er hat sie bis heute. Schüler, die auf Stühlen sitzen wollen, anstatt sich in Bewegung zu setzen, ihren Weg zu suchen: den Weg, auf dem Jesus vorausgeht: den Weg der großen Befreiung, in Armut und Schwachheit.  

1. Lesung: Jes 53, 10–11  

Der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht, er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.   Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.  

2. Lesung: Hebr 4, 14–16

Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten. Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat.   Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit.    

Evangelium: Mk 10, 35–45  

In jener Zeit traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen. Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Sie antworteten: Wir können es.  

Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind.  

Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.  

Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.    

Kommentar zum Evangelium  


Herrschen und dienen  

Die Bitte der beiden Apostelbrüder, Jakobus und Johannes, rechts und links neben Jesus in seinem Reich sitzen zu dürfen, wirkt im ersten Augenblick als etwas unverschämt. Aber die Art, mit der Jesus das Gespräch mit ihnen führt, veranlasst uns doch, diese Bitte etwas anders zu verstehen.  

Aus den beiden Aposteln spricht ihre Liebe zu Jesus. Sie wollen ihm ganz nahe sein. Der Gedanke, dass sie die anderen damit verdrängen, dürfte den beiden in diesem Moment gar nicht in den Sinn gekommen sein. Es geht ihnen um Jesus und ihre Nähe zu ihm. Darum folgen sie ihm ja auch nach Jerusalem, obwohl sie sich sicher fürchten, nachdem Jesus ihnen bereits mehrfach seinen dort bevorstehenden Leidensweg angekündigt hat.  

Sie sind aus Liebe bereit, „Jesu Kelch zu trinken und seine Taufe zu empfangen“. Der Ärger der zehn anderen Jünger über die beiden Brüder macht deutlich, dass sie in ihren Ansichten und Anliegen nicht immer eines Sinnes sind. Jesus wird nicht müde, sie wieder daran zu erinnern, dass in seinem Reich neue Maßstäbe gelten. Er erteilt allem weltlichen Streben nach Macht und Herrschaftsansprüchen eine deutliche Absage.  

Die Geschichte zeigt uns, wie oft sie missbraucht wurde – und weiterhin wird – und in Gewalt und Unterdrückung jeglicher Form endet. Jesus möchte von den Aposteln – und auch von uns –, dass wir Macht und Größe nicht in den eigenen Dienst stellen, sondern sie für andere einsetzen – ihnen „dienen“. Jesus selber hat uns das Beispiel gegeben: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“– bis zur Hingabe seines eigenen Lebens (vgl. 45).  

Das Dienen nach dem Evangelium führt dazu, dass man sich selber zurücknimmt. Es spielt keine Rolle, welchen Beruf, welche Stellung in der Gesellschaft, welche politischen Machtfunktionen man innehat – für alle gilt:  jeder ist aufgerufen auf seinem Platz in der Welt diese Herausforderung einer „radikal fordernden Liebe“  anzunehmen und umzusetzen.  
 
Elisabeth Kröll ist Pfarrgemeinderätin und Pflegehelferin im Alten-, Wohn- und Pflegeheim in Zell am Ziller.
  redaktion@rupertusblatt.at  


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