"Mit Obergrenzen sehr vorsichtig sein"

 

Erzbischof Franz Lackner in der "Tiroler Tageszeitung": Verstehe Vorbehalte in der Bevölkerung, aber Kirche hat nicht Aufgabe, über Obergrenzen nachzudenken, sondern zu "helfen, wo es nur irgendwie geht."

 

INNSBRUCK (eds/kap 7.12.2015) /"Wenn extreme Not vorherrscht, muss man mit Obergrenzen sehr vorsichtig sein": Das betonte der Salzburger Erzbischof Franz Lackner am Montag zur Frage der Flüchtlingsaufnahme. Natürlich müsse ein Staat auch im Blick haben, "wie viele Flüchtlinge er verträgt". Dass es wegen des Flüchtlingszustroms "Ängste und Vorbehalte in der Bevölkerung" gebe, verstehe er, sagte Lackner in einem Interview der "Tiroler Tageszeitung". "Aber als Kirche ist es nicht unsere Aufgabe, über Obergrenzen nachzudenken, sondern wir sollten helfen, wo es nur irgendwie geht."

Wenn man den "Flüchtlingsansturm" der jüngsten Zeit erlebe, "dann kann man immer mehr tun", antwortete der Erzbischof auf die Frage nach Möglichkeiten der Kirche als Quartiergeberin. In der Erzdiözese Salzburg sei insgesamt viel unternommen worden, mehr als 20 Prozent der Flüchtlinge befänden sich in kirchlichen Einrichtungen. In den Tiroler Gebieten, die zur Erzdiözese gehören, sei eine eigene Gesellschaft für die Flüchtlingskoordination zuständig. Dass wie in Salzburg Pfarrer selbstständig Flüchtlinge im Pfarrhof aufnehmen können, gehe in Tirol aufgrund dieser anderen Strukturen nicht so einfach. "Da würde ich mir mehr Flexibilität wünschen", so Lackner.

Dass die Mitbetreuung der insgesamt 63 Tiroler Pfarren, die zur Erzdiözese Salzburg gehören, schwierig sei, verneinte Lackner: Diese gehörten zum Diözesangebiet "einfach dazu". Und es sei auch nicht "zeitgemäß", wenn ein Bundesland auch eine Diözese abbildet: "Bei gewachsenen Strukturen muss man mit dem Begriff zeitgemäß etwas vorsichtig sein. Die Menschen empfinden das als ihren Identitätsraum."

Für mehr "regionale Entscheidungsfreiheit"

Für die Ortskirchen wünscht sich der Salzburger Erzbischof mehr Gestaltungsfreiräume. Lackner stimme - wie er sagte - der Einschätzung des Innsbrucker Bischofs Manfred Scheuer zu, dass es sich unter Franziskus "freier atmen" lässt. Er wolle "das nicht gegenüber früher ausspielen", aber beim jüngsten Ad-limina-Besuch der österreichischen Bischöfe habe eine "ganz lockere Atmosphäre mit dem Papst" geherrscht, Franziskus ermuntere die Bischöfe dazu, Vorschläge zu machen. Offen ist für Lackner jedoch noch, wie sich das in eine neue Form übersetzen lässt. "Diese Arbeit ist noch nicht geleistet."

"Dort, wo Kirche und Gläubige zusammenkommen, in der Seelsorge, in den Pfarren oder generell in der Erzdiözese, sollte es mehr Entscheidungsmöglichkeiten und Flexibilität geben", meinte der Erzbischof. Er denke, "dass es sich dorthin entwickelt". Zum Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen erklärte Lackner, das Ideal der Unauflöslichkeit der Ehe werde die Kirche nicht aufgeben können. "Die Frage ist, wie gehen wir im Sinne Jesu Christi mit Scheitern um. Da hoffe ich sehr, dass wir einen Schritt nach vorne kommen." Eine "regionale Entscheidungsfreiheit" sei hier wünschenswert, noch sei das nicht der Fall. "Aber ich baue auf Papst Franziskus", betonte Lackner.

Ein Bischof im Sinne von Papst Franziskus sei einer, der nahe bei den Menschen ist. Gleichzeitig sage der Papst immer ganz klar, dass er für diese Kirche einsteht und dafür Sorge trägt, dass ihre Lehre nicht in ihren Fundamenten erschüttert wird. "Das wird zu wenig beachtet", befand Lackner.

Zölibatsöffnung hätte Nachteile für Laien

Zur Frage, wie dem derzeitigen Priestermangel zu begegnen ist, sagte der Salzburger Erzbischof wörtlich: "Ich bin nicht generell gegen die Aufhebung des Zölibats. Aber derzeit weiß man noch nicht, wohin der Weg des Papstes führt. Papst Franziskus ist ein Papst der Überraschungen." Als Ordensmann sei er persönlich ein Vertreter des Zölibats. "Ich habe viel dafür investiert und dahinter steht auch eine Gotteserfahrung."

Eine Öffnung in der Zölibatsfrage würde nach Einschätzung Lackners bedeuten, dass "wir binnen kurzer Zeit in der Diözese vielleicht 100 Priester mehr haben". Die Kehrseite: "Aber für jeden Priester könnten wir entsprechend weniger Laien anstellen." Er halte das derzeitige Zusammenwirken von Laien, Theologinnen und Theologen sowie Priestern für "ganz wichtig" und mit "sehr viel Potenzial" versehen.

Das Sakramentale sei zwar Aufgabe des Priesters und des Diakons, aber die Begleitung der Menschen hin zur "Sehnsucht nach mehr" im täglichen Leben, zu einem "lebensdienlichen" Glauben, könnten auch Laien übernehmen. "Ich sehe die Zukunft der Kirche nicht nur als Kirche der vielen Priester", so Lackner. Auch der Religionsunterricht, für den heute "zu 99 Prozent die Laien zuständig" seien, zeige, dass es auch eine Bereicherung ist, "dass die positive Last der Verkündigung auf allen Schultern des Volkes Gottes verteilt wird".

Kritische Anmerkungen machte der in der Bischofskonferenz für Sport zuständige Erzbischof zur zunehmenden Vereinnahmung des Sports. Hier sei "so viel Geld im Spiel, dass das sportliche Interesse nur noch Zweck für die Gewinnmaximierung ist". Namentlich die olympische Organisation sei enorm "aufgebläht", der eigentliche Sport jedoch "an den Rand gedrängt". Ihn gelte es wieder ins Zentrum und die politischen sowie wirtschaftlichen Interessen in den Hintergrund zu stellen, forderte Lackner.

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