Neues Sozialwort als „Gebot der Stunde“

 

Gerechtigkeit im Blick des Ökumene-Empfangs in der Erzdiözese

 

SALZBURG (eds-8.1.2019) / Ein neues Sozialwort der Kirchen regten Michael Chalupka, Geschäftsführer der Diakonie „Eine Welt“, und Dekan Alois Halbmayr von der Katholisch-Theologischen Fakultät Salzburg beim Ökumenischen Empfang im Kardinal-Schwarzenberg-Haus an. „Ein ökumenisches Sozialwort wäre ein Gebot der Stunde. Es könnte den politischen Diskurs bereichern“, so Dekan Halbmayr. Gerechtigkeit sollte, biblisch gesehen, für alle gelten, der öffentliche Diskurs gehe allerdings in eine andere Richtung. Mit dem Thema knüpfte der Ökumenische Empfang anlässlich der Gebetswoche für die Einheit der Christen (18. bis 25. Jänner) an deren Leitmotto an.

Gerechtigkeit sei ein Grundwort des Zusammenlebens, betonte Erzbischof Franz Lackner vor den Vertretern der christlichen Kirchen. „Gerechtigkeit darf uns nicht selbstverständlich werden.“ Die Gebetswoche für die Einheit der Christen lade ein für die Einheit zu beten, „lasst uns auch in Einheit beten“, sagte der Erzbischof.

Mindestsicherung ist eine Frage der Menschenwürde

„Alles, was ihr nun wollt, dass euch die Menschen tun sollen, so tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten!“ (Mt7,12). Diese goldene Regel, mit der Jesus die Bergpredigt zusammenfasst, ist wohl bekannt: „Dieser goldenen Regel kann jeder und jede zustimmen“, sagte Chalupka und verwies auf die derzeitig in eine andere Richtung weisende öffentliche Diskussion: „Gerechtigkeit geschieht im Tun, und ethische Verpflichtungen gelten für alle – und sie gelten gegenüber allen. In der Öffentlichkeit ist es anders: So sollen etwa Asylberechtigte bei der Mindestsicherung schlechter gestellt werden, weil sie die Sprache noch nicht ausreichend beherrschen.“

Stattdessen sei im öffentlichen Diskurs von einer „neue Gerechtigkeit“ die Rede. „Und neue Gerechtigkeit heißt: Leistung muss sich lohnen. Die Mindestsicherung soll das Mindeste sichern, das Menschen zum Leben brauchen. Das ist eine Frage der Menschenwürde – und unabhängig davon, wie viel und wie lange jemand ,ins System‘ eingezahlt hat oder woher er oder sie kommt“, plädierte der ehemalige Direktor der Diakonie Österreich für ein gemeinsames Wort der Kirchen zur Gerechtigkeit in der pluralen Welt. 

Brisantes Vatikan-Papier 

Daran knüpfte Dekan Halbmayr an: Das Sozialwort aus 2003 sei mittlerweile 15 Jahre alt. „Es beeindruckt mit der Breite der Themen, andererseits fällt aber auf, dass wichtige Themenbereiche völlig fehlen, etwa Migration, Klima oder auch Fragen des internationalen Finanzsystems.“ 

Halbmayr ging in seinem Impuls auf das Papier des Vatikans „Oeconomicae et pecuniariae quaestiones“ (Fragen der Wirtschaft und des Geldes) ein. Es wurde 2018 vorgestellt, erreichte aber trotz Brisanz wenig Bekanntheit. Das Papier erläutert, warum das gegenwärtige Weltfinanzsystem hochproblematisch erscheint und dringend einer Erneuerung bedarf, zu der auch die Kirche ihren Beitrag leisten müsse. Es bestehe die Gefahr, dass der Ertrag aus dem Kapital „den Ertrag aus der Arbeit zu überrunden“ droht, ist im Papier zu lesen. Unterschrieben ist es auch vom Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal Luis F. Ladaria: „Das scheint ein Indiz dafür zu sein, dass für Papst Franziskus sozialethische Themen genauso wichtig sind wie die klassischen Fragen des Glaubens und der Sitten, zu denen sich die Glaubenskongregation sonst immer wieder äußert“, so Halbmayr.

Krise in der Orthodoxen Kirche 

Wenige Tage nach der Erklärung der Selbstständigkeit der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche ging Dietmar W. Winkler, Vorsitzender von PRO ORIENTE Salzburg, auf die nunmehr schwierige Situation in der orthodoxen Kirche ein. Gegen den massiven Protest des Patriarchts von Moskau erkannte der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel offiziell die volle Selbstständigkeit (Autokephalie) der Orthodoxen Kirche in der Ukraine an. Damit kam es zum Bruch und zur Aufkündigung der Kommuniongemeinschaft zwischen den orthodoxen Patriarchaten von Konstantinopel und Moskau.

„Die Orthodoxie versteht sich als Bund gleichberechtigter selbstständiger Kirchen mit je eigenem Oberhaupt. Dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel wird die Rolle eines Ersten unter Ranggleichen zuerkannt, d.h. er ist jener, der die orthodoxen Kirchen koordiniert und für sich auch das Recht in Anspruch nimmt, einer Kirche die Selbstständigkeit zu gewähren“, so Winkler. „Ein Ökumene-Empfang, der der Geschwisterlichkeit, dem freudvollen Dialog und Austausch gehört, ist nicht der Ort, zu beurteilen, wer im Recht oder Unrecht ist. Was uns hier heute bewegt, ist die Sorge um die Einheit der Kirche, zunächst innerhalb der orthodoxen Kirche und dann auch unser Dialog mit ihr.“ Wer sich der russischen Kirche noch anschließe und damit den Graben innerhalb der Orthodoxie vergrößere, sei noch nicht absehbar. „Für uns Schwesterkirchen des Westens, aus welcher Tradition auch immer, muss es das Anliegen sein, mit allen im Gespräch zu bleiben.“

Foto: Dietmar W. Winkler, Vorsitzender PRO ORIENTE Salzburg, Dekan Alois Halbmayr, Erzbischof Franz Lackner, Michael Chalupka, Geschäftsführer der Diakonie „Eine Welt“, und Matthias Hohla, Referent für Ökumene und Dialog der Religionen in der Erzdiözese (v. l.) beim Ökumene-Empfang.

Foto: Erzdiözese Salzburg

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