Papst Franziskus in Japan

 

Auf seiner Reise durch Japan sprach sich Papst Franziskus gegen Atomwaffen und eine Kultur der Gleichgültigkeit aus

 

HIROSHIMA/TOKIO (eds/kap-25. 11. 2019) / In beispielloser Schärfe hat Papst Franziskus in Hiroshima den Bau und den Besitz von Kernwaffen verurteilt. "Der Einsatz von Atomenergie zu Kriegszwecken ist ein Verbrechen, heute mehr denn je", sagte er am Sonntag am Ort des ersten Atombombenabwurfs der Geschichte. Franziskus forderte eine umfassende Abrüstung: "Der wahre Friede kann nur ein waffenloser Friede sein". Zu Beginn des Besuchs im Friedenspark überreichte eine Überlebende des Atombombenabwurfs vom 6. August 1945 dem Papst Blumen, die er am Mahnmal für die Toten niederlegte. Anschließend entzündete Franziskus eine Kerze und betete in Stille, während die Friedensglocke in einzelnen Schlägen erklang. An der Zeremonie in der Dunkelheit des japanischen Abends nahmen 20 Religionsführer und 20 Überlebende teil.

Der Papst sagte, er komme als "Pilger des Friedens", um "der unschuldigen Opfer solcher Gewalt zu gedenken". Er verneige sich "vor der Stärke und der Würde" derer, die als Überlebende unter den Folgen des Atomangriffes litten. Den Einsatz von Kernkraft für militärische Zwecke und den Besitz solcher Waffen nannte der Papst "unmoralisch". Er sprach von einem Vergehen gegen den Menschen und seine Würde wie auch gegen "jede Zukunftsmöglichkeit" auf dem Planeten. Die Menschheit werde "darüber gerichtet werden".

Appell um Abrüstung in Nagasaki

In seiner Predigt im Baseballstadion der Stadt vor mehreren zehntausend Teilnehmern sprach der Papst anschließend die "schwer zu heilende Wunde, ein Zeichen für das unerklärliche Leid so vieler Unschuldiger" der japanischen Stadt an. Erneut verwandte er auch das Bild eines "stückweisen dritten Weltkriegs", unter dem heute ungezählte Menschen zu leiden hätten. Das Stadion von Nagasaki wurde 1997 gebaut und hat 25.000 Sitzplätze. Es befindet sich nur rund 100 Meter vom Epizentrum der Atombombe entfernt.

Der Papst wandte sich gegen eine weit verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber Kranken und Behinderten, Alten und Verlassenen, aber auch Flüchtlingen und Gastarbeitern. Die Botschaft des gekreuzigten Christus könne aber "jede Art von Hass, Egoismus, Spott oder Nichtbeachtung überwinden" und jeden "lähmenden Pessimismus oder einschläfernden Wohlstand bezwingen. Der Vorsitzende der Japanischen Bischofskonferenz, Nagasakis Erzbischof Joseph Mitsuaki Takami, dankte dem Papst für seinen Besuch. Franziskus habe der Welt eine "starke Botschaft" zur Abschaffung von Atomwaffen und für den Frieden gesandt. Nagasaki wolle der letzte Ort in der Geschichte sein, auf den eine Atombombe geworfen wurde.

Erinnerung an christlichen Märtyrer

Franziskus erinnerte bei einem Besuch der Gedenkstätte Nishizaka Hill in Nagasaki an die christlichen Märtyrer des Landes als Vorbild für heutige Katholiken. Das Zeugnis der Märtyrer könne helfen, den Glauben zu stärken und das Engagement für eine Kultur des Lebensschutzes zu erneuern, sagte Franziskus bei der Gedenkstätte, wo 1597 unter dem Regenten Toyotomi Hideyoshi (1537-1598) 20 einheimische Christen und 6 ausländische Priester zur Abschreckung hingerichtet wurden.

Franziskus sagte, auch heute litten in vielen Teilen der Welt Christen ihres Glaubens wegen und erduldeten das Martyrium. Katholische Gläubige sollten ihre Stimme für Religionsfreiheit erheben, aber auch gegen eine religiöse Manipulation zu politischen, wirtschaftlichen oder ideologischen Zwecken.

Treffen mit Kaiser Naruhito

Am Montag hatte Papst Franziskus eine private Unterredung mit Kaiser Naruhito im Bambussaal des Tokioter Kaiserpalastes. Diese war einer der protokollarischen Höhepunkte der Asienreise des Papstes. Wie der kaiserliche Pressesprecher später japanische Journalisten wissen ließ, dankte Naruhito Franziskus unter anderem für sein Treffen mit den Opfern der Dreifach-Katastrophe von Fukushima im März 2011.

Ihnen, die bei Erdbeben, Tsunami und Atomunfall im März 2011 zu Schaden kamen und Angehörige verloren, wie der übrigen Gesellschaft hatte der Papst zuvor gesagt: "Keiner baut sich von selbst wieder auf, keiner kann von allein wieder anfangen." Daher brauche es weitere Solidarität. Japan habe bereits gezeigt, "wie ein Volk in Solidarität, Geduld, Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen zusammenstehen kann." Überlebende berichteten dazu von beeindruckender Zusammenarbeit damals auch zwischen Christen, Buddhisten und Shintoisten - bis hin zu gemeinsamen Gebeten für die Opfer.

Neben der Sanierung des radioaktiv verseuchten Geländes und der von Erdbeben zerstörten Infrastruktur gelte es vor allem, das zerstörte Gesellschaftsgefüge wiederaufzubauen, mahnte Franziskus und kritisierte erneut eine "Kultur der Gleichgültigkeit". Dass die Dinge mitunter kompliziert liegen, berichtete ein kanadischer Missionar aus Fukushima. Alte Menschen, die in der weiteren Region des Atomkraftwerks leben, wollen etwa, dass ihre Kinder dorthin zurückkehren, auch um sich um die Eltern zu kümmern. Die Jüngeren zögern, weil sie nahe des Unglücks-AKW um das Wohl ihrer eigenen Kinder fürchten.

Der gesellschaftliche Aufbau ist laut Papst daher ebenso nötig wie "kühne und wichtige Entscheidungen zur Verwendung natürlicher Ressourcen und künftiger Energiequellen". In dem Zusammenhang erwähnte er das "Nein" der japanischen Bischöfe auch gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie. Ein strittiges Thema in Japan.

Papst macht Katholiken Mut

Wie tags zuvor in Japans katholischem "Kernland", der Provinz Nagasaki mit immerhin vier Prozent Christen, so machte Franziskus auch in Tokio den Katholiken des Landes Mut. 536.000 getaufte Katholiken - so die Zahl des Vatikan - plus fast 600.000 Immigranten machen knapp ein Prozent der gut 126 Millionen Einwohner Japans aus. Rund 50.000 von ihnen empfangen ihr Kirchenoberhaupt nachmittags im voll besetzten Tokyo Dome. In seiner Predigt ging Franziskus vor allem auf Leistungsdruck, Einsamkeit und Konsum ein, die vielen Probleme bereiten. Das Land hat eine der höchsten Suizidraten weltweit. Stattdessen gelte es, das Leben mit seiner Zerbrechlichkeit und Begrenztheit anzunehmen.

Anders als bei den meisten Papstbesuchen wandte sich der Papst in Japan erst gegen Ende seines Aufenthaltes an die politische Führung und andere gesellschaftliche Vertreter. Dabei würdigte er Japans Einsatz für benachteiligte und behinderte Menschen. Mit Blick auf atomare Abrüstung, von der bereits Ministerpräsident Shinzo Abe in seiner Rede sprach, mahnte Franziskus: Dialog sei die "einzige Waffe, die des Menschen würdig ist und einen dauerhaften Frieden gewährleisten kann". Eine notwendige Mahnung angesichts zunehmend nationalistischer wie isolationistischer Tendenzen, die auch in Japan und Ostasien um sich greifen.

 

Foto: In Hiroshima überreichten Überlebende des Atombombenabwurfs vom 6. August 1945 dem Papst Blumen.

Foto: Kathpress

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