Religionssoziologe Joas: Säkularisierungsthese ist passé

 

Österreichische Pastoraltagung in St. Virgil widmet sich der schrumpfenden Bedeutung von Religion

 

 

 

SALZBURG (eds-10.01.2019) / Im Blick auf den sinkenden Stellenwert von institutionalisierter Religion in vielen Ländern Europas mag es vielleicht plausibel sein, der These vom Einhergehen der Modernisierung mit Säkularisierung anzuhängen – jedoch, diese lange Zeit vertretene Auffassung stimmt so nicht und ist in der Soziologie auch passé. Darauf hat der deutsche Religionsphilosoph und -soziologe Hans Joas bei der am Donnerstag in Salzburg eröffneten Österreichischen Pastoraltagung hingewiesen. Die USA z.B. seien ein Gegenbeispiel dafür, dass Moderne und auch Wohlstand mit großer religiöser Vitalität einhergehen können, erst recht würden globale und historische Tatsachen allzu platten Deutungen widersprechen. Joas lapidar: „Säkularisierung stirbt tendenziell an Nachwuchsmangel.“

Dass Religion in unseren Breiten einem Bedeutungswandel und auch -verlust ausgesetzt ist, leugnet der vielfach ausgezeichnete Autor von Büchern wie „Die Macht des Heiligen – Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung“ (2017) oder „Glaube als Option“ (2012) keineswegs. Seit der Jahrtausendwende seien in Deutschland 500 Kirchen umgewidmet, 140 abgerissen worden. Demgegenüber befinde sich Religion in prosperierenden Weltregionen wie Südkorea oder China im Aufschwung, auch in Afrika verbreite sich das Christentum rasant.

Aber wenn nicht Modernisierung bzw. die von Max Weber behauptete „Entzauberung“ der Welt die Ursache dafür ist, was dann? Joas lenkte den Blick auf das Verhältnis der Kirchen und Religionsgemeinschaften zur jeweiligen Staatsmacht – auf die „politische Soziologie der Religion“, wie er es nannte. Seine These: Eine „übertriebene Staatsnähe“ und „machtgestützte Monopolstellung“ sei für die Kirchen gefährlich. Wenn sich in der Bevölkerung politische und wirtschaftliche Unzufriedenheit ausbreite, würden sie diese Gruppen leicht aus den Augen verlieren.

Ohne Anzug kein Gottesdienst?

Berlin etwa sei schon vor 100 Jahren eine der säkularisiertesten Städte gewesen – nicht zuletzt wegen der Verbürgerlichung der dortigen evangelischen Kirche. Joas berichtete, dass es schon damals Ursachenforschung für den schwachen Gottesdienstbesuch gerade unter Arbeitern gegeben habe. Dabei sei herausgekommen, diese Bevölkerungsschichte habe sich den vermeintlich erforderlichen Anzug für den Kirchgang nicht leisten können. Die Pastoren hätten darauf aber nicht mit „na, dann kommt eben anders gekleidet...“, sondern achselzuckend reagiert.

Eine Alternative zur Erklärung von Säkularisierung sei somit die Haltung der Kirchen zu den großen politischen Fragen der jeweiligen Zeit: Wie haben sie sich zur „sozialen Frage“ verhalten, wie zur nationalen, zur demokratischen, zur Frauenemanzipation oder zu den Menschenrechten? „Wir erkennen damit, wie wenig unumgämglich bestimmte Säkularisierungsprozesse waren und sind“, wies Joas hin.

Auch bei heute vieldiskutierten politischen Fragen wie Migration könne eine moralisch argumentierende Befürwortung von (Massen)Einwanderung zur Entfremdung benachteiligter einheimischer sozialer Milieus von den Kirchen beitragen. „Zuhören ist da oft wichtiger als Belehren“, riet Joas seinen großteils in kirchlichen Arbeitsfeldern tätigen Zuhörern. 

Das Fazit des an der Theologischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität lehrenden Soziologen: Die Kirchen und Religionsgemeinschaften sollten die Tatsachen heutiger Säkularisierung „illusionslos ins Auge fassen“, sie in ihrer Ausprägung aber auch nicht überschätzen oder gar in eine „Selbsteinschüchterung“ verfallen. „Untergangsprophetien“ relativierten sich, wenn Säkularisierung in einen historischen und globalen Rahmen gesetzt werde.

„Säkularität und pastorales Handeln“

Joas hielt den Eröffnungsvortrag der bis Samstag dauernden Pastoraltagung, der größten Seelsorge-Fortbildungsveranstaltung in Österreich. Unter dem Titel „Freiheit – Glück – Leben. Säkularität und pastorales Handeln“ beleuchten hochkarätige Referenten und rund 400 Interessierte aus dem In- und Ausland „die schrumpfende Bedeutung von Religion“ und deren Auswirkungen auf das kirchliche Handeln.

Teilnehmer der Tagung sind u.a. die Bischöfe Franz Lackner (Salzburg), Manfred Scheuer (Linz), Wilhelm Krautwaschl (Graz) und Hermann Glettler (Innsbruck), langjähriger „Stammgast“ ist der Linzer Altbischof Maximilian Aichern. Der für das veranstaltende Österreichische Pastoralinstitut (ÖPI) zuständige Referatsbischof Alois Schwarz (St. Pölten), der am Freitag selbst auch Vortragender zum Tagungsthema sein sollte, sagte wegen der jüngsten Konflikte um seine Person kurzfristig ab, wie die geschäftsführende ÖPI-Vorsitzende Anna Findl-Ludescher eingangs mitteilte.

Weitere Referenten bei der traditionsreichen Österreichischen Pastoraltagung sind u.a. die Pastoraltheologen Johann Pock, Christian Bauer und Teresa Schweighofer, Werteforscher Christian Friesl sowie die in El Salvador tätige Ordensfrau und systematische Theologin Sr. Martha Zechmeister. Über anstehende „pastorale Prioritäten“ tauschen sich am Schlusstag, 12. Jänner, die Linzer Pastoralamtsleiterin Gabriele Eder-Cakl, „Pastoralinnovation“-Gründer Georg Plank, der Pressesprecher der Erzdiözese Wien, Michael Prüller, und die Pastoralassistentin Vivian Perdomo Reyes aus.

In Workshops werden von Fachleuten spezielle Aspekte des Tagungsthemas wie Willkommenskultur in größeren Pfarreinheiten, "Werte bilden" oder "Start ups in kirchlichen Räumen" aufgegriffen und im kleinen Kreis diskutiert. Für einen künstlerischen Akzent sorgt am Eröffnungsabend die oberösterreichische Performancekünstlerin Esther Strauß. 

Die Pastoraltagung ist die größte kirchliche Seelsorge-Fortbildungsveranstaltung in Österreich, alljährlich nehmen hunderte Mitarbeitende in Seelsorge und Religionspädagogik sowie Interessierte aus dem In- und dem benachbarten Ausland teil. (Detailprogramm: www.pastoral.at/pastoraltagung)

 

 

 

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