Rollende Arztpraxis für Obdachlose

 

„Für mich ist es eine Lebenseinstellung. Benachteiligten Menschen mit Liebe zu begegnen, das macht die Malteser schließlich aus“

 

SALZBURG (eds/rb - ibu). Mirella kommt aus Pauleasca, einem Dorf in Rumänien. Momentan ist sie wieder für einige Wochen in Salzburg, um auf der Straße Zeitungen zu verkaufen. Daheim warten zehn Kinder auf sie und ihren Mann, der mit gesenktem Kopf in der Eingangstür der Arche Nord steht. Für Mirella ist noch Platz im Notquartier der Caritas. Ihr Mann muss zurück in die Nacht und sich im Freien einen Schlafplatz suchen. „Ich bin schwer herzkrank. Hoffentlich kann mir der Herr Doktor helfen“, sagt die 40-Jährige und fasst sich an die Brust. Sie ist an diesem Sonntag die letzte Patientin, die vor dem improvisierten Sprechzimmer wartet. Kurzerhand wurde die Behandlung vom Einsatzwagen in das Nachtdienst-Zimmer der Notschlafstelle verlegt. Hier ist es etwas geräumiger als im Bus und vor allem können die Frauen und Männer im Warmen warten, bis sie dran sind.



Effektiver helfen mit dem Virgilbus

Die Bilanz des Abends: Infekte, Bluthochdruck, Rückenbeschwerden, Probleme mit den Nieren und häufig Zahnschmerzen. „Da fehlen mir eigentlich die Möglichkeiten etwas zu tun.“ Der Unfallchirurg Andreas Hartmann kann die Betroffenen nur weiterschicken. Einmal im Monat ist zum Beispiel eine zahnärztliche Versorgung im Notdienstzent-rum der Salzburger Zahnärzte möglich. „Wir sind keine Ambulanz, die eine Komplettversorgung durchführen kann. Die Leute haben manchmal überzogene Hoffnungen. Einmal verlangte ein Mann sogar, dass ich ihm das Metall von einer Operation aus dem Oberschenkel hole“, erzählt Hartmann, der bereits Erfahrung mit der Behandlung von Armutsmigranten aus südosteuropäischen Ländern hat. Die Malteser haben schon in der Vergangenheit Sprechstunden an ungewöhnlichen Orten abgehalten – in den Notschlafstellen der Caritas und im Romanischen Saal von St. Peter. „Mit dem Virgilbus können wir nun noch effektiver helfen.“

Seit Adventbeginn macht der Virgilbus am Sonntagabend vor der Arche Nord oder dem Hauptbahnhof Station. Ein Arzt, zwei Sanitäter und ein Dolmetscher sind „an Bord“. Betrieben wird die mobile Artzpraxis von wechselnden ehrenamtlichen Teams und Fahrzeugen des Roten Kreuzes, der Samariter und des Malteser Hospitaldienstes. „Die drei Organisationen haben sofort ja gesagt“, freut sich Sebastian Huber. Der Salzburger Internist und Neos-Gemeinderat hat den Virgilbus ins Rollen gebracht. „Ich weiß, dass diese niederschwellige Basisversorgung bisher eine Lücke darstellte. Es gibt einheimische Obdachlose. Und es gibt Armutsmigranten, Bettler, die keine Versicherung und keinen Zugang zur medizinischen Betreuung haben. Sie alle sprechen wir an.“ Huber kann dabei auf eine gut aufgestellte Unterstützerfront zählen – von der Apotheker- bis zur Zahnärztekammer, den Barmherzigen Brüdern bis zum Diakoniewerk. „Viele der Menschen haben seit Jahren keinen Arzt aufgesucht. Sie scheuen sich in eine Praxis zu gehen. Mit dem Virgilbus nehmen wir ihnen diese Hürde. Wir können so Patienten zu einem früheren Stadium gesundheitsschonender und günstiger versorgen. Denn wenn sie wegen einer nicht behandelten Erkrankung irgendwann als akuter Notfall im Krankenhaus landen, dann sprechen wir von mehreren tausend Euro pro Tag. Der Virgilbus zeigt, dass soziales Handeln nicht immer teuer sein muss.“
Die jährlichen Kosten für den Virgilbus belaufen sich auf 25.000 Euro. Die Finanzierung durch Stadt und Land Salzburg sowie durch Spenden ist für das Prämierenjahr bereits gesichert.


Starkes Zeichen für das Ehrenamt

Zahlen sind die eine Seite. Doch was am Ende eines Einsatzes bleibt sind die Menschen und ihre Schicksale. Besonders nahe ist Huber an seinem ersten Sonntag am Hauptbahnhof der Fall einer im zweiten Monat schwangeren Frau mit Unterleibsschmerzen gegangen. „Sie hat uns erzählt, dass sie im Auto übernachtet. In die Notschlafstelle kann sie nicht mehr, da der Aufenthalt auf zwei Wochen befristet ist und sie die schon ausgeschöpft hat. Nachdem diese ,Geschichte‘ öffentlich geworden ist, trudelten rasch Vorschläge ein, wohin sich die Frau noch wenden kann. Insgesamt sind die Reaktionen auf facebook oder anderswo zum Virgilbus sehr positiv“, berichtet Sebastian Huber und betont noch einmal: „Der Virgilbus ist ein starkes Zeichen für Ehrenamt und Eigeninitiative. Ich bin davon überzeugt, dass jeder einen Beitrag leisten und sich engagieren kann.“


„Es geht um Menschenwürde“

Für den Malteser-Arzt Andreas Hartmann ist das Dasein für Menschen, denen es schlecht geht, eine Lebenseinstellung. Stefanie Lanzdorf unterstreicht mit Nachdruck: „Wir dürfen die Augen nicht einfach zumachen. Es geht um Menschenwürde.“ Sie koordiniert die sonntäglichen Dienste für Obdachlose. Seit gut einem Jahr versorgen die Malteser nämlich in den Notschlafstellen der Caritas wie der Arche Nord Armutsmigranten mit Essen und Getränken.

„Diese Notreisenden sind zum Großteil Roma. Sie sind seit Jahrzehnten an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Niemand kümmert sich in ihren Dörfern um sie. Sie haben keine Chance“, so Lanzdorf, die nicht an die organisierten Bettelbanden glauben will. „Sie reisen nicht im schicken, klimatisierten Bus nach Salzburg. Wenn sie einen Platz in einer Notunterkunft finden, ist das auch weit weg von jeglichem Luxus. Wir reden von einem Minimum: von einem Platz zum Schlafen und Waschen und einer warmen Mahlzeit.“ Seit kurzem kommt die regelmäßige medizinische Versorgung durch die Ärzte und Sanitäter im Virgilbus dazu. 

 

Dringend gesucht!


Die Caritas benötigt Winterschlafsäcke und Isomatten für Obdachlose. „Nicht alle Menschen ohne Unterkunft finden bei uns ein Dach über dem Kopf, und bei einer Übernachtung im Freien ist ein Schlafsack überlebenswichtig“, weiß Andrea Franze, Leiterin der Notschlafstelle Arche Nord.

Sachspenden können tagsüber in den Caritas Läden in der Stadt Salzburg und ab 19.00 Uhr direkt in der Arche Nord, Rudolf-Biebl-Straße 28, abgegeben werden.

Willkommen sind auch Geldspenden (www.caritas-salzburg.at) und Freiwillige, die sich engagieren möchten. Kontakt: winter.nost@caritas-salzburg.at oder telefonisch bei Teamkoordinatorin, Schwester Birthe Kröncke, unter 0676/848210-338


Der Infopoint Kirchen organisiert eine Kleiderausgabe für obdachlose Menschen.
Dringend gebraucht werden für Erwachsene: Warme Kleidung, Socken, Unterwäsche, Schuhe, Decken und Schlafsäcke. Spendenannahme bis 31. Jänner 2015 an der Rezeption des Erzbischöflichen Palais am Kapitelplatz, Mo-Do: 8.00-18.00 Uhr, Fr: 8.00-15.00 Uhr.

 

Bild: eds/Rupertusblatt - Burgstaller

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