Salzburger Hochschulwochen hat begonnen

 

Bis 4. August Vorträge, Workshops und Diskussionen zum Thema „Die Komplexität der Welt und die Sehnsucht nach Einfachheit"

 

SALZBURG (eds/kap-29.7.2019) / Mit einem Plädoyer für eine bewusste Suche nach einer neuen Balance zwischen Komplexität und Einfachheit hat der Salzburger Erzbischof Franz Lackner am Montag die „Salzburger Hochschulwochen“ eröffnet. Die traditionsreiche „smarte Sommerfrische“ in der Mozartstadt steht heuer unter dem Titel "Die Komplexität der Welt und die Sehnsucht nach Einfachheit". In dieser Gemengelage gelte es laut Lackner eine Balance zwischen Eigenem und Fremdem, lokal und global, Tradition und Innovation sowie Kontemplation und Aktion zu finden - stets im Bewusstsein, „dass es einfache Antworten nicht mehr gibt“. Mit dem mittelalterlichen Theologen Johannes Duns Scotus könne man festhalten, dass das eine nicht ohne das andere auskomme, so Lackner.

Der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer würdigte die Salzburger Hochschulwochen als „Fackel“, die aufgrund ihrer langen Geschichte der Wiedererrichtung der Universität Salzburg 1962 letztlich den Weg geleuchtet habe. Mit der heurigen Themenwahl hätten die Hochschulwochen erneut ein hoch relevantes Thema aufgegriffen, „das uns täglich bewegt“, so Haslauer. Wichtig sei, nicht auf „einfache Antworten“ zu setzen, da dies der Weg des Populismus sei, sondern durch „die einfache Frage 'Worum geht es eigentlich?'“ immer wieder neu der „eigentlichen Kernfrage“ hinter aller Komplexität auf den Grund zu gehen.

„Signaturen unserer Zeit“

Der Obmann der Hochschulwochen, Prof. Martin Dürnberger, bezeichnete weltliche Komplexität und die Sehnsucht nach Einfachheit als „zwei Signaturen unserer Zeit“. Zugleich votierte er dafür, nicht bei einer Gegenüberstellung beider Phänomene stehen zu bleiben, da gerade der Verweis auf Komplexität „ideologisch aufgeladen“ und als „Ausrede jener angeführt wird, die vom Status quo profitieren“ und also möglichst nichts ändern wollen an den Dingen. Auf diesen Zusammenhang habe zuletzt Jürgen Habermas bei einem Vortrag an der Universität Frankfurt aus Anlass seines 90. Geburtstages hingewiesen - und so in gewisser Weise auch den Hochschulwochen ins Stammbuch geschrieben, sich „in der unaufgeregten Kunst der Unterscheidung“ zu üben, so Dürnberger.

Theologe Striet: Programme der Neuevangelisierung sind „antiintellektuelle Komplexitätsreduktion“ 

Vor den Versuchungen eines „Religionspopulismus“, der nicht selten Hand in Hand gehe mit politischem Populismus, hat der Freiburger Theologe Prof. Magnus Striet gewarnt. Der moderne Religionspopulismus zeige sich etwa dort, wo das religiöse Erleben als jeder wissenschaftlichen Erkenntnis oder theologischen Einsicht vorrangig betrachtet wird und ein "wahrer Glaube" als Unterscheidungsmerkmal zwischen Gläubigen eingeführt werde, sagte Striet bei einem Vortrag in Salzburg, der zugleich den Auftakt zur heurigen Salzburger Hochschulwoche darstellte. Ähnlich dem politischen Populismus zeige sich dieser religiöse Populismus unfähig zur Selbstkritik, antipluralistisch und letztlich antiintellektuell.

Beispiele für eine solchermaßen antiintellektuelle „Komplexitätsreduktion“, die sich zugleich modernster ästhetischer Inszenierungen bedient, böten etwa die jüngsten forcierten Programme einer "Neuevangelisierung" bis hin zur Lehrverkündigung Papst Johannes Pauls II., der auf die Einsprüche etwa eines theologischen Freiheitsdenkens mit dem Beharren auf einer "objektiven Wahrheit des Lehramtes" reagiert habe. So versuche ein Religionspopulismus durch das Paradigma "einfach nur glauben" zu müssen, "eine durchsichtige Religionswelt gegen eine immer komplexere und undurchschaubarere Welt außen zu errichten", so Striet. Dagegen gelte es festzuhalten: "Nur weil man einfache Antworten bietet, werden die Probleme nicht weniger komplex".

Für ihn bleibe die Rede von einer Neuevangelisierung Europas "seltsam phrasenhaft", da sie sich gleichsam unter Nutzung modernster Mittel der Ästhetik und Kommunikation jeder Auseinandersetzung mit modernen wissenschaftlichen und theologischen Erkenntnissen entziehe. "Bleibt für Gott da tatsächlich ein Platz? - Oder bleibt die Rede von der Neuevangelisierung nur ein rhetorisches Spiel, um zu verschleiern, dass der Kaiser nackt dasteht?"

Striets Vortrag bildete den wissenschaftlichen Auftakt zu den heurigen Salzburger Hochschulwochen. Noch bis 4. August versammelt diese renommierte und älteste deutsche Sommeruniversität wieder hunderte Teilnehmer - darunter hochrangige Wissenschaftler, Philosophen und Theologen - zu einer gemeinsamen "smarten Sommerfrische" in Form von Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen und einem dichten Kulturprogramm. Das Thema der heurigen Hochschulwoche lautet: "Die Komplexität der Welt und die Sehnsucht nach Einfachheit". (Infos: www.salzburger-hochschulwochen.at)

Kulturtheoretikerin: Katastrophenszenarien zielen auf Reinigung

Eine Analyse populärkultureller Katastrophenszenarien und der darin zu Tage tretenden Phantasien und "anthropologischen Enthüllungen" über das Wesen des Menschen hat die Wiener Kulturtheoretikerin und Germanistin Eva Horn bei den "Salzburger Hochschulwochen" vorgelegt. Kinofilme mit Endzeitszenarien würden ebenso boomen wie Serien, die in einer Zeit nach einer vermeintlichen Katastrophe spielen - sichtbar werde in diesen Szenarien vor allem, wie sehr sie von einer Sehnsucht nach Einfachheit und Reinigung geprägt seien. Kernidee eines solchen "Katastrophenbegehrens" sei die Annahme, dass erst die Katastrophe, also der Zusammenbruch der bisherigen Ordnung, die Dinge sichtbar mache, wie sie eigentlich liegen, so Horn.

Im Blick auf den Menschen würden Katastrophenszenarien "Momente einer anthropologischen Enthüllung" darstellen: "Wird der Mensch sich selbst zum Wolf oder führt der Wegfall der Ordnung zu einer neuen Solidarität?" Solche popkulturellen Phänomene hätten durchaus reale Entsprechungen etwa in den Milieus der "Prepper", die sich auf Katastrophen vorbereiten und stets gewappnet sind, sich im Notfall aus der Gesellschaft auszuklinken und autark zu leben. Problematisch werde dies laut Horn dort, wo der Katastrophe ein reinigender Charakter zugesprochen wird und zwischen Freund und Feind, zwischen der Rettung würdigen und nicht-würdigen Menschen unterschieden werde. "Dies sind Phantasien, die die Moderne stark geprägt haben und immer noch wirksam sind", so die Kulturtheoretikerin.

Zuvor hatte bereits der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf mit einem Gottesdienst in der Salzburger Franziskanerkirche einen geistlichen Auftakt zur Hochschulwoche gesetzt: In seiner Predigt plädierte Kohlgraf für einen „einfachen Glauben“, der nicht etwa auf theologische Eindeutigkeiten setze, sondern dessen „Einfachheit“ sich darin erweise, dass er seinen Ausdruck in konkreter Nächstenliebe finde. Dies lebe Papst Franziskus auf eindrückliche Art und Weise vor. Der Glaube müsse für die Komplexität der Welt offen sein, den Dialog mit ihr suchen, zugleich lauere auch im Glauben die Gefahr, der Sehnsucht nach einfachen Antworten zu erliegen: „Wenn die eigenen religiösen Wurzeln und Traditionen wegbrechen, wird die fremde Religion zum Feindbild erklärt.“ Darin ähnle die Religion dann auch politischen Populismen. Kohlgraf abschließend: „Das Ringen und Suchen in einer komplexen Welt nimmt uns der einfache Glaube nicht ab. Daher braucht es Theologie, daher braucht es das Gespräch mit anderen Weltzugängen.“

Preisverleihung und Sommerfest

Die Salzburger Hochschulwochen dauern noch bis 4. August. Auch heuer versammelt diese renommierte und älteste deutsche Sommeruniversität wieder hunderte Teilnehmer - darunter hochrangige Wissenschaftler, Philosophen und Theologen - zu einer gemeinsamen "smarten Sommerfrische" in Form von Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen und einem dichten Kulturprogramm.

Höhepunkte der Hochschulwoche sind u.a. die Verleihung des renommierten „Theologischen Preises“, der heuer am 31. Juli an den deutschen Theologen Karl-Josef Kuschel vergeben wird, sowie - als kultureller Höhepunkt - ein Sommerfest samt Talk-Runde mit dem Salzburger Erzbischof Franz Lackner, Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und Schauspieler Gregor Bloeb am 1. August im Bischofsgarten. Besonderheiten stellen in diesem Jahr außerdem eine Autorenlesung mit dem Literaten Patrick Roth („Die Christus Trilogie“) am 2. August dar sowie neue Veranstaltungsformate in Form etwa eines mehrtägigen Workshops für Studierende („Theologian in Residence“ mit Aaron Langenfeld) und der Workshop-Reihe „Benedictine Banter“, bei der zwei junge Mönche am Thema Komplexität und Einfachheit orientiert durch das Stift St. Peter führen.

Den Abschluss der Hochschulwoche bilden ein Gottesdienst im Salzburger Dom am 4. August mit dem Südtiroler Bischof Ivo Muser und ein anschließender Akademischer Festakt in der Universitätsaula. Den Festvortrag wird heuer der langjährige und per 1. Oktober scheidende Rektor der Universität Salzburg, Heinrich Schmidinger, halten. Schmidinger ist Philosoph und Theologe und war u.a. von 1993 bis 2005 Obmann der "Salzburger Hochschulwochen".

Tradition seit 1931

Ihr Ziel ist es, ein universitäres, interdisziplinäres Forum zu bilden, in dem sich die Theologie dem Dialog über aktuelle Fragen mit säkularen Wissenschaften stellt. Jährlich locken sie bis zu 800 Interessierte aus dem gesamten deutschen Sprachraum nach Salzburg. Die Veranstaltung wird in Kooperation mit der Salzburger Äbtekonferenz der Benediktiner, dem Katholischen Hochschulwerk Salzburg, der Görres-Gesellschaft, der Katholischen Akademikerverbände Deutschlands und Österreichs sowie dem Forum Hochschule und Kirche der Deutschen Bischofskonferenz organisiert.

Seit drei Jahren sind die Hochschulwochen eine Veranstaltungsreihe der Theologischen Fakultät und als solche integriert in die Universität Salzburg. (Infos: www.salzburger-hochschulwochen.at)

 

Fotos: kathpress / Erzdiözese Salzburg

 

 

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