Schmidinger: „Wir brauchen die Theologie"

 

Der Theologe und scheidende Rektor der Universität Salzburg zieht im Rupertusblatt nach 18 Jahren Bilanz

 

 

18 Jahre stand er an der Spitze der Universität Salzburg. Mit Beginn des Wintersemesters im Oktober scheidet Rektor Heinrich Schmidinger aus dem Amt. Mit dem Rupertusblatt wagt der Theologe und Philosoph einen Rückblick, zieht Bilanz über die Unipolitik und verrät seine Pläne für die Zukunft.

RB: 18 Jahre als Rektor der Universität Salzburg: Auf welche Meilensteine blicken Sie zurück?

Heinrich Schmidinger: Das Wichtigste war die Einführung des neuen Universitätsgesetzes 2002. Waren die Universitäten früher nachgeordnete Dienststellen des Ministeriums, so sind sie nun vollrechtsfähig und autonom. Das hat die Welt der Universitäten verändert. Es war die größte Herausforderung, die mich über Jahre beschäftigt hat. Es brachte einen Wandel der Kultur mit sich. Die Universitäten besitzen mehr Gestaltungsfreiheit, tragen aber auch mehr Verantwortung. Das UG 2002 schafft nicht die beste aller möglichen Welten, aber eine bessere als zuvor.

RB: Ihre persönlichen Highlights?

Schmidinger: Die Uni Salzburg ist in vielfacher Hinsicht stark gewachsen: Noch nie gab es so viele Studierende und so viel Personal wie heute, auch die Zahl der Standorte hat deutlich zugenommen. Die Drittmittel-Einnahmen sind stark gestiegen – heutzutage ein Erfolgsindikator. Zu Beginn waren es 8 Millionen Euro, heute sind es 24 Millionen. Hinter der Zahl der Drittmittel steckt auch eine Qualitätsaussage: Drittmittel erhält man nur auf Basis einer guten Bewertung. Früher gab es nicht weniger Qualität in Forschung und Lehre, jedoch hat sich die Qualitätsbemessungskultur verändert - dem entsprechen wir ganz gut.

Konkrete Highlights waren die Eröffnung des Uniparks Nonntal, die Anmietung der Edmundsburg der Erzdiözese am Mönchsberg, weiters das Laborgebäude in Itzling. Letzteres war die teuerste Investition, die die Uni selbst gestemmt hat.

RB: Was war besonders schwierig oder worauf blicken Sie nicht wohlwollend zurück?

Schmidinger: Das waren sicherlich die fünf Jahre als Vorsitzender der Österreichischen Universitätenkonferenz. Diese Zeit, in der ich sehr oft nach Wien musste, bedeutete meine Rektorsfunktion noch einmal. Die damaligen Umstände gestalteten sich unerfreulich und die politischen Rahmenbedingungen schwierig – für mich alles sehr aufreibend.

RB: Das Hochschulwesen ist immer wieder im Kreuzfeuer der Bildungs- und Finanzpolitik. Wie lautet hierzu Ihre Bilanz?

Schmidinger: Ich finde, es hat sich mittlerweile wesentlich gebessert. Die letzten Abschlüsse der Leistungsvereinbarungen brachten den Universitäten eindeutig mehr  Geld. Die Politik der letzten drei Wissenschaftsminister – Töchterle, Mitterlehner, Faßmann – war gut und ermutigend. Alles in allem hat sich ein ganz guter Ausgang eingestellt, den ich nicht klein reden will, aber der Weg dorthin war steinig.

RB: Wenn Sie heute erneut vor der Wahl stünden – was würden Sie anders machen? Würden Sie wieder Ihre Positionen antreten?

Schmidinger: Die ganze Karriere lag nicht in meiner Lebensplanung. Ich bin nach Salzburg gekommen, weil ich Professor werden und Philosophie an der theologischen Fakultät unterrichten wollte, das war meine Lebensplanung. Dann hat sich’s – die einen nennen es Zufall, die anderen Fügung – einfach so ergeben.

Begonnen hat es damit, dass ich als Dekan der theologischen Fakultät auch die Budget- und Planstellenkommission der Uni übernehmen musste. So bin ich seit 1995 für Personal und Budget der Uni Salzburg zuständig. Das musste ich übernehmen, weil es so Tradition war. Danach kam ein Gesetz, das Vizerektoren vorsah und den Unis Teilautonomie verschaffte. Bei der Bildung des Rektorates hieß es dann: „Jetzt hast du’s eh schon gemacht, mach‘s weiter“ – so kam ich ins Amt. Das Dritte, womit ich nicht gerechnet hatte: Nach dem verfrühten Ausscheiden meines Vorgängers aus dem Amt bedurfte es rasch einer Nachfolge – so wurde ich 2001 Rektor. Ich sage dazu: Es war kein Opfergang. Wenn ich nicht auch gerne Rektor gewesen wäre, hätte ich es nicht so lange ausgehalten. Das Motivierende daran – das hängt wieder mit der Autonomie zusammen – war, dass ich sehr viel gestalten konnte.

RB: Ein Theologe als Rektor ist heute nicht mehr alltäglich auf staatlichen Universitäten. Wie schätzen Sie diese Kombination ein?

Schmidinger: Es war mir sehr wichtig, dass ich mich in der Funktion des Dekans, Vizerektors und Rektors als Theologe einbringen konnte. Darin sah ich einen persönlichen Auftrag. Man ist ja nicht von ungefähr Theologe, man hat auch eine gewisse Lebensgeschichte hinter sich und verfügt über Einstellungen und Überzeugungen, die man nicht ablegt. Diese haben bei meinen Entscheidungen, Überlegungen, Maßnahmen natürlich eine Rolle gespielt.

RB: Immer wieder kursieren Untergangs-Gerüchte für die Theologie im öffentlichen Hochschulwesen Österreichs. Wie sehen Sie die Zukunft der Theologie?

Schmidinger: Die Situation ist sehr schwierig. Das hängt wesentlich mit der Situation der Kirche insgesamt zusammen. Die Kirche hat an gesellschaftlicher Reputation stark verloren, damit natürlich auch an Einfluss. Diese Entwicklung beschleunigt sich. Ich kann es kurz sagen: Die theologischen Fakultäten zu halten, wird eine ständige Herausforderung sein.

In absehbarerer Zeit werden sich die Diskussionen sowohl über die Berechtigung der theologischen Fakultäten als auch über ihre Existenz nicht erledigt haben. Das wird Thema bleiben. Als die große Aufgabe der Theologie sehe ich, dass sie dem Reputationsverlust der Kirche entgegenwirkt, indem gerade sie aufzeigt, dass sich weder die christliche Botschaft noch die Kirche auf das reduzieren lassen, was sie vielen zu sein scheinen.

Es ist von aller größter Wichtigkeit – daran entscheidet sich meines Erachtens alles –,  dass sich die Theologinnen und Theologen gesellschaftlich, aber auch konkret innerhalb der Universitäten engagieren. Die Universität muss davon überzeugt sein, die Theologie zu brauchen. Das ist gerade in Zeiten, in denen nichts mehr selbstverständlich ist, ausschlaggebend. Es bedarf der Theologie, weil die Frage nach Gott zum Menschen gehört – und dies nicht bloß im privaten Raum.

Theologie muss darüber hinaus Wissenschaft bleiben. Geschichtlich betrachtet ist das, was wir heute Wissenschaft nennen, im Mittelalter aus der Theologie hervorgegangen. Die Definition der Wissenschaft über die Methoden begann innerhalb der Theologie. Die Theologie würde ihren Anspruch aufgeben, wenn sie sich dem wissenschaftlichen Diskurs entzöge. Die Kirche hat dies zu respektieren. Eine Botschaft, die universell gelten soll, muss sich auch universell begründen lassen, das geht meiner Meinung nach nur mit der Wissenschaft.

RB: Wie beurteilen Sie das Verhältnis Universität – Kirche?

Schmidinger: Ich hatte mit allen Salzburger Erzbischöfen ein gutes Auskommen. Es gab immer die Möglichkeit des Gesprächs, wir haben allemal gemeinsame Lösungen gefunden. Eine Herausforderung bleiben naturgemäß die „Nihil obstat“-Verfahren, sprich die Unbedenklichkeitserklärungen des Vatikans bei Professuren an der Theologischen Fakultät. Für autonome Universitäten sind sie ein Problem. Nicht zuletzt dies erschwert den Stand der Theologie.

RB: Die Salzburger Hochschulwochen (SHW) mit ihrer Tradition und Ausrichtung liegen Ihnen besonders am Herzen. Wie soll es hier weitergehen?

Schmidinger: Ich bin seit 1972, also fast ein halbes Jahrhundert, bei den Salzburger Hochschulwochen dabei. Das Maturageschenk meines Vaters war der Besuch der SHW – ein einschneidendes Erlebnis für mich. Die SHW in die Theologische Fakultät zu integrieren, ist gut gelungen. Während der letzten Jahre kam in jeder Hinsicht viel Bewegung hinein. Die Besucherzahlen sprechen dafür. Wenn es so weitergeht, freut es mich.

RB: Wie läuft die Übergabe des Rektorats?

Schmidinger: Die Übergabe findet laufend statt. Die offizielle Amtsübergabe ist am 1. Oktober. Ich bin zuversichtlich, dass ich das Amt in gute Hände lege. Es wird vieles anders werden, aber das soll es ja auch nach 18 Jahren. Einfach war es nie, einfach wird’s auch nicht werden, so ist es eben.

RB: Was sind Ihre persönlichen und beruflichen Pläne für die kommende Zeit

Schmidinger: Zunächst muss ich einmal Luft holen. Ich werde im ersten Jahr viel unterwegs und wenig in Salzburg sein, um Abstand zu gewinnen. Die Reise geht zunächst nach Madrid, dort lebt mein Zwillingsbruder. Ab Jahreswechsel möchte ich immer wieder längere Phasen in Rom sein. Ich kenne die Stadt gut und möchte noch einmal dort leben. Dort habe ich vor, einiges zu schreiben und dafür wieder Bibliotheken nutzen. In gewisser Weise ist es eine Rückkehr in meine Studentenzeit, daran möchte ich anknüpfen.

RB: Wie bleiben Sie Salzburg verbunden?

Schmidinger: Ich werde erst mit 68 emeritieren, habe also noch drei Jahre auf meiner Professur in Salzburg. Es gab für mich nie die Zeit, ein Freisemester zu nehmen. Davon haben sich viele angehäuft, die ich nun abarbeiten werde. Ich möchte keine Ämter mehr. Meine Rolle wird die eines interessierten Zaungastes am universitären, öffentlichen und kirchlichen Leben sein. Kleinere Aufgaben, die überschaubar sind, werde ich beibehalten. Zum Beispiel bleibe ich dem Katholischen AkademikerInnen Verband als Vorsitzender erhalten.            

 

Biografie

Schweiz-Rom-Salzburg

Heinrich Schmidinger wurde 1954 als Sohn des gleichnamigen Historikers und dessen Frau Maria Schmidinger in Wien geboren. Seine Kindheit verbrachte er bedingt durch die Professur seines Vaters im schweizerischen Freiburg und maturierte im altsprachlich-humanistischen Gymnasium in Feldkirch in Vorarlberg.

Vom Lektor zum Professor

Von 1972 bis 1980 studierte Schmidinger Theologie und Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. 1984 habilitierte er sich an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck für das Fach Christliche Philosophie. Zunächst war er Assistent am Internationalen Forschungszentrum für Grundfragen der Wissenschaften in Salzburg. Anschließend war der Theologe Lektor und stellvertretender Leiter des Tyrolia-Verlages in Innsbruck, bis er 1993 als Professor für Christliche Philosophie an die Theologische Fakultät der Universität Salzburg berufen wurde.

Steile Karriere

Die Uni-Karriere verlief schnell und steil: Bereits im Wintersemester 1995 wurde er Dekan und als solcher zugleich Vorsitzender der Österreichischen Dekanenkonferenz der Theologischen Fakultäten. Bereits 1999 wurde Heinrich Schmidinger Vizerektor für Ressourcen und Stellvertreter des damaligen Rektors Adolf Haslinger und ist seit 2001 Rektor der Universität Salzburg. Seit der Neugründung der Universität Salzburg 1963 ist Schmidinger der sechste Theologe in diesem Amt. Als Rektor – und davor bereits als Vizerektor – ist er seither Mitglied der Österreichischen Rektoren- bzw. Universitätenkonferenz (uniko), deren Präsident er von 2011 bis 2015 war.

Geografisch führte Schmidinger nicht nur aufgrund seiner Funktionen ein „bewegtes“ Leben, pendelte der verheiratete und dreifache Familienvater doch über Jahrzehnte zwischen der Wahlheimat Innsbruck und der Mozartstadt.

Ausgezeichnet

Darüber hinaus ist er Mitglied u.a der Görresgesellschaft, der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie (ÖGP), der bayrischen Benediktinerakademie und des Wissenschaftlichen Beirates der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (ÖFG).Eine besondere Verbundenheit pflegt der christliche Philosoph mit den Salzburger Hochschulwochen (SHW) – 31 Jahre war er Mitglied des Direktoriums und 12 Jahre dessen Obmann. Heinrich Schmidinger wurde 2016 mit dem großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet und ist Träger des Kardinal-Innitzer-Würdigungspreises (2017).

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