Tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit

 

Erfolgreiche 68. Internationale Pädagogische Werktagung in Salzburg zum Thema „Geborgenheit finden“ 

 

SALZBURG (eds-12.7.2019) / Die Pädagogische Werktagung endete am Freitag mit den Vorträgen von Bindungsforscher Karl Heinz Brisch und Religionspädagoge Anton A. Bucher in der Salzburger Universitätsaula aus. Rund 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich in den vergangenen drei Tagen mit dem Thema „Geborgenheit finden“ beschäftigt.

Sichere Bindungen schützen wie ein Regenmantel

„Schon kleine Kinder suchen nach Sicherheit. Das Bindungssystem eines Menschen ist für seine gesunde körperliche, psychische und soziale Entwicklung von großer Bedeutung. Wenn Kinder emotional nicht gut versorgt werden, können sie nicht wachsen und gedeihen wie andere“, betonte am Freitagvormittag der renommierte Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Karl Heinz Brisch. Der Inhaber des Lehrstuhls und Vorstand des Forschungsinstituts für EARLY LIFE CARE, Paracelsus Medizinische Privat-universität (PMU) in Salzburg referierte zu „Bindung und Geborgenheit“. Er unterstrich, dass Geborgenheit und Sicherheit überlebensnotwendig seien. Sichere Bindungen seien Schutz-faktoren, so Brisch, der dabei den Vergleich mit einem schutzbietenden Regenmantel zog.

Der Bindungsforscher erklärte weiters, dass es neben Eltern Personen wie Lehrerinnen und Lehrer oder Erziehende brauche, damit das Bindungssicherheitssystem aktiviert werde. Wenn Kinder bindungssicher seien, dann haben sie einen Hafen, von dem aus sie die Welt entdecken können. „Sie sind neugierig und sie können lernen. Gedächtnis- und Sprachentwicklung, Lernleistung, Flexibilität, Kreativität – all diese Erfahrungen gehen viel besser. Die Kinder sind außerdem belastungsresistenter, können mit Stress besser umgehen. Und sie können empathisch sein.“ Prävention und frühe Unterstützung für Eltern seien besonders wichtig, wenn diese selbst traumatische Erfahrungen gemacht haben. „Damit sie mit ihren Kindern in einer sicheren emotionalen Beziehung bleiben.“

Geborgenheit in uns selbst – Geborgenheit in spiritueller Verbundenheit

Anton A. Bucher, Universitätsprofessor für Religionspädagogik in Salzburg, skizzierte in seinem Referat, dass das Leben durch zwei fundamentale, gegensätzlich scheinende Bestrebungen geprägt sei. „Zum einen dadurch, hinauszugehen. Als Kleinkind das Gebüsch zu erkunden oder sich im Erwachsenenalter in die Öffentlichkeit stellen, etwas bewirken und schaffen. Zum anderen dadurch, sich zurückzuziehen – sich im Kindesalter unter eine Decke kuscheln oder die Zimmertüre hinter sich abschließen.“  Diese Bestrebungen würden nur scheinbar entgegenlaufen. „Die große Kunst des Lebens dürfte darin bestehen, das Gleichgewicht zu finden zwischen außen und innen, zwischen Vorpreschen und Rückzug.“

Professor Bucher strich ebenfalls das Bedürfnis eines jeden Menschen nach Geborgenheit hervor: „Es dürfte schwierig sein, Menschen zu finden, die Geborgenheit negativ beurteilen und sich nicht nach ihr sehnen, und dies in jedem Lebensalter.“ Welches sind nun die Komponenten von Geborgenheit? Bucher nannte mit Verweis auf den deutschen Psychologieprofessor Hans Mogel als Antwort Sicherheit, Wohlfühlen und Vertrauen. Aber wo ist solche Geborgenheit zu finden? „Zum einen in uns selbst. Zum anderen im spirituellen Glauben an etwas Größeres und Stärkeres, das es grundsätzlich gut mit uns meint.“

„Von guten Mächten wunderbar geborgen!“

Zum Abschluss verwies Bucher auf Dietrich Bonhoeffer, dessen bekannten Worte „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ er seinem Vortrag voranstellte. Der lutherische Theologe wurde die ersten Schuljahre von seiner Mutter unterrichtet. Als Mitglied der Bekennenden Kirche kam er in das Visier der Gestapo, wurde im April 1943 verhaftet und ins Gefängnis Tegel überführt. Dort schrieb er, den Tod vor Augen, unter anderem: „Es ist, als  ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt.“ Im Jänner 1945 wurde er zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung erfolgte am 9. April 1945. Der SS Lagerarzt Hermann Fischer bezeugte eidesstattlich: „Durch die halbgeöffnete Tür eines Zimmers im Barackenbau sah ich vor der Ablegung der Häftlingskleidung Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebetes dieses Mannes hat mich auf das Tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig und gefasst die Treppe zum Galgen. Ich habe in meiner fast 50-jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen.“

Pädagogische Werktagung 2020:  „Nachhaltig leben lernen“

Professor Bucher bot auch einen kurzen Ausblick auf das nächste Jahr. Die 69. Auflage einer der wichtigsten pädagogischen Fachtagungen im deutschsprachigen Raum widmet sich dann dem Thema „Nachhaltig leben lernen.“  Dabei gehe es um die Botschaft, „ein nachhaltiges Leben ist ein gutes Leben“. Wie entwickeln Kinder Umweltbewusstsein? Welche Projekte der Nachhaltigkeitspädagogik haben sich bewährt? Um diese und viele weitere Fragen werde es vom 15. bis 17. Juli 2020 gehen, so Bucher.

Die 68. Internationale Pädagogische Werktagung wurde vom Katholischen Bildungswerk Salzburg in Kooperation mit der Caritas Österreich und der Universität Salzburg veranstaltet. Weitere  Infos unter  www.bildungskirche.at/Werktagung

Foto1: Volle Universitätsaula; erste Reihe v. l.: Melanie  Erlinger (Organisation, Kath. Bildungswerk), Referentin Andrea Bramberger, Andreas Gutenthaler (Direktor Kath. Bildungswerk Salzburg) und Referent Karl Heinz Brisch.

Foto2: Prof. Dr. Karl Heinz Brisch, Salzburg

Foto3: Univ.-Prof. Dr. Anton A. Bucher, Salzburg

Foto4, 5, 6, 7: Erfolgreiche 68. Internationale Pädagogische Werktagung Salzburg zum Thema „Geborgenheit finden“ 

Fotos: Erzdiözese Salzburg

 

 

 

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