"Welche Spuren des Glaubens und des Lebens hinterlassen wir?"

 

Christmette: Erzbischof Lackner über zunehmende Ich-Zentriertheit und wie Gottes Ankommen in der Welt Lebensspuren ziehen kann

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Hl. Franziskus beendete Gebetsworte zuweilen nicht – wie wir es gewöhnlich tun – mit "Amen", sondern mit einem Aufruf: „Es geschehe, es geschehe!“.

Das Evangelium dieser Heiligen Nacht beginnt mit den Worten: „Es geschah aber in jenen Tagen“. Ich wurde in den vergangenen Wochen mehrmals interviewt. Eine Frage überraschte mich, nämlich ob es einzelne Worte aus dem Weihnachtsevangelium gebe, die mich besonders berühren? Für viele – so wurde angemerkt – seien es die Worte des Engels: „Fürchtet euch nicht!“ Meine Antwort war spontan: Ja, es gibt die Worte, die mich jedes Jahr tief berühren. Es sind dies die Eröffnungsworte des Evangelisten: „Es geschah aber in jenen Tagen.“ Eine herantastende Hinführung zum Geheimnis der Menschwerdung. Keine in medias res, gleichsam mit der Tür ins Haus kommende Verlautbarung. „Es geschah aber in jenen Tagen“, diese Worte geben den Anblick frei auf jenes so einzigartige göttlich-menschliches Ereignis. Keine festgestellte Tatsache, ohne direkt genanntes Subjekt. Ein apersonales Geschehen. Es geschah! Das erinnert daran, wie früher im Gespräch mit hohen Persönlichkeiten mit großer Vorsicht und Ehrfurcht die Anrede gesetzt wurde. Keine direkte Ansprache -auch nicht mit „Sie“ -vielmehr redete man wie mit einer dritten Person, die gar nicht anwesend war.  

Ich darf dazu ein Beispiel aus der Musik bringen. Der große Meister Herbert von Karajan hatte die Laudatio auf den kongenialen Kollegen Karl Böhm zu halten. Da sagte Karajan: „Dir gelingt es, das Orchester so durch harte Proben vorzubereiten, so dass man am Ende sagen kann: Es musiziert!“ So als ob am Ende nicht die Musiker musizierten, sondern die Musik musiziert. Ein schönes Pendant zu dem, was Gnade bedeutet: „Gnade geschieht! Es geschieht!“

Wir feiern heute Weihnachten. Von diesem wunderbaren Ereignis sollten wir nicht mehr erklären als: „Es geschah!“

Liebe Brüder und Schwestern, hier soll nicht ein bloß uneigentliches Vorspiel aufgeführt werden für das, was später erst in voller Gestalt kommen wird. Hier kündigt sich schon in geheimnisvoller Weise an, was Offenbarung bedeuten möchte. Es zeigt sich die demütige Gestalt Gottes. Genauso wie der Mensch gewordene Sohn Gottes in Nazareth als Sohn des Zimmermanns Josef ganz in den gewöhnlichen Alltag eingetaucht ist. Auch hier: keine unbedeutende Vorgeschichte zum öffentlichen Wirken später, sondern das eine und ganze Wesen eines sich offenbarenden Gottes.

Der Hl. Franziskus erblickte darin die Demut Gottes. Und er ruft seine Mitbrüder auf: „Demütigt auch ihr euch!“ Ja, demütigen auch wir uns. Von welcher Art ist unsere Herangehensweise an Leben und Glauben? Wir legen, ob wir wollen oder nicht, eine Spur. Welche Spuren des Glaubens und des Lebens hinterlassen wir? Die Geschichte wird uns beurteilen. Wird man von uns einmal sagen: „Es geschah aber in jenen Tagen …?" Wird man unser Leben einmal mit einem Gnadenereignis in Verbindung bringen? Weihnachten möchte sich zu jeder Zeit wiederholen in unseren Herzen. Papst Franziskus hat anlässlich der Amazoniensynode einen wichtigen Begriff geprägt, der unsere theologische Grundhaltung auf den Punkt bringt: Den Begriff der „Ich-Religion.“ Dieses Wort können wir auf alle Bereiche des Lebens ausweiten. Heute herrschen neben einer Ich-Wirtschaft, auch eine Ich-Kultur und vor allem ein Ich-Wohlstand. All das unbedacht der Tatsache, dass es vielen Menschen mit gleichem Lebensrecht und einer mindestens ebenso gleichen Lebensfreude um ein Vielfaches schlechter geht. Sie haben oft nicht das Nötigste für das Überleben.

Die Hauptfrage, die einmal gestellt werden wird, betrifft nicht das Wirtschaftliche, sondern unser Glaubensleben. Was wird von unserem Glauben in Zukunft übrig bleiben? Trägt unsere Epoche etwas an gültiger Gotteserkenntnis bei, das uns überleben wird? Oder wird man uns einmal attestieren, dass wir zu sehr mit uns selber beschäftigt waren? Man fragt heute in Anbetracht der Klimakrise zu Recht nach dem ökologischen Fußabdruck. Jedoch mit gleicher Vehemenz müssten wir nach unserem theologischen Fußabdruck fragen. Wie setzen wir unsere Schritte? Wir haben eine Herkunftsgeschichte; wir gehen den Weg der Nachfolge weiter. Ist uns bewusst, dass man einmal nach den Fußspuren der Kirche von heute suchen wird, um den Weg der Nachfolge Jesu in Zukunft weitergehen zu können?  Wir müssen neue Schritte setzen, gewiss; aber tun wir dies gläubigen Herzens bedächtig und in hörender  Aufmerksamkeit? Unsere Zukunft wird einmal Vergangenheit sein und man wird sich an dieser orientieren wollen. Wird man dann an unserer Fußspur die Fußspur Jesu erkennen können? Und wird man einmal von unserer Zeit sagen können „Es geschah, Gnade hat sich ereignet?" Diese Fragen stellt uns das Ereignis von Weihnachten.

Liebe Brüder und Schwestern, wir feiern Weihnachten: Gott ist Mensch geworden. Die Art und Weise wie Gott bei uns als Mensch unter Menschen angekommen ist, muss uns nachdenklich stimmen. Nicht in der heiligen Stadt, nicht im Tempel, sondern in deren toten Winkel; abseits, gleichsam im blinden Fleck der pulsierenden Stadt Jerusalem. Aber – der Ehrlichkeit muss Tribut gezahlt werden – gilt, was einst gegolten hat, nicht auch heute für uns? So dass man sagen muss, nicht in Rom, nicht im hohen Dom zu Salzburg geschieht Bethlehem, sondern an unseren blinden Flecken und toten Winkeln, die es heute noch genauso gibt. Auch das sollte uns nachdenklich stimmen. Darum gilt es, unseren Blick zu schärfen und in der Schönheit der Liturgie doch auch die Armut des Stalles in uns und unter uns nicht zu übersehen. Der Anblick des Jesukindleins in der Krippe soll uns selig stimmen; aber vergessen wir nicht, das ist die eine, die verherrlichte Seite, es gibt auch die andere; Jesus in den Armen, Flüchtlingen, Kranken und Einsamen. Die dürfen wir nicht vergessen. Gott hat eine Option für die Schwachen und Kleinen.

Weihnachten möchte sich wiederholen, in unseren Herzen, in unserer Kirche, für alle. Eine große Freude. Diese Freude möchte Wirklichkeit werden. Öffnen wir dem Herrn, der da kommen will, die Tore unserer Herzen. Denn wie es einst geschah, so möchte es wieder geschehen; zur Ehre Gottes und zum Frieden der Menschen seines Wohlgefallens.

Amen. 

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