Wovor müssen manche Christen Angst haben?

 

In manchen Bereichen sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Konfessionen, Freikirchen und christlichen Sondergemeinschaften sehr deutlich. Wovor und warum müssen manche Christen so viel Angst haben?

 

SALZBURG (eds/föger - 15.2.2017)

Manche Situationen sind für alle Arten von religiösen Gemeinschaften typisch oder zumindest nicht ungewöhnlich:

  • Die Angst, in der Gruppe nicht anerkannt oder gar ausgeschlossen zu werden, kann umso existentieller bedrängen, desto stärker der innere Zusammenhalt und die soziale Nähe in der Gemeinschaft sind.
  • Die Angst vor Respektspersonen wie einem Bischof, Pastor, Ältesten, Propheten, etc. kann umso größer werden, desto mehr Einfluss diese Person auf mein persönliches Befinden hat.
  • Die Angst, für Gott nicht gut genug zu sein, seine Gebote nicht ausreichend zu erfüllen, seine Gesetze zu übertreten, ist eine der religiösen Urängste, kann aber in manchen Gemeinschaften eine zerstörerische, übermächtige Rolle einnehmen.

Mit diesen drei Themen und den daraus resultierenden Problemen müssen sich wohl alle religiösen Gemeinschaften und besonders die Leitungspersonen immer wieder selbstkritisch befassen und präventiv tätig sein. Sie liegen aber eher im soziologischen und psychologischen Bereich.

Es gibt aber zwei Arten von Angstsituationen, die bei christlichen Gemeinschaften direkt im System stecken und theologisch verwurzelt sind, sodass es noch viel schwieriger ist, mit ihnen umzugehen und sie zu zähmen.

Die erste ist die Angst vor dem Gericht und vor der Hölle. Ohne Zweifel hat Jesus – nebst vielen hoffnungsfrohen Erlösungsworten – für die Sünder das ewige Feuer der Hölle angedroht. Diese Stellen kann man nun nicht einfach aus der Bibel streichen. Allerdings kann man in der Spannung zwischen Seligpreisungen und Gerichtsworten ganz auf die eine oder ganz auf die andere Seite verfallen: So wie manche Menschen ein duseliges „Wir kommen alle, alle in den Himmel...“ singen, so gibt es andere, für die die Höllendrohung ganz eindeutig für die allermeisten Menschen wahr werden muss, weil sie so ungläubig oder so böse sind.

In der heutigen Zeit erleben wir diese Angst vor der Hölle tendenziell vor allem in vielen evangelikalen Gemeinschaften, aber auch immer noch in manchen katholischen Gruppen. Bei den Zeugen Jehovas wird das ewige Höllenfeuer ersetzt durch die völlige Vernichtung der Menschen (Harmageddon), der nur die eigenen Mitglieder entgehen.

Eine traurige Tatsache ist es, dass das Schüren dieser Höllenängste immer wieder funktioniert und die Mitglieder bei der Stange hält.

Die zweite ist die Angst vor der nahenden Apokalypse. Dabei ist zu beachten, dass die Naherwartung der Wiederkunft des Herrn ursprünglich keine Angst auslöst, sondern – im Gegenteil – Grund zu Hoffnung und Freude ist. Die Zwiespältigkeit der Botschaft, dass die Wiederkunft unmittelbar bevorsteht, liegt aber darin, dass sie auch der Punkt der Krise, der Beurteilung und der Endgültigkeit ist.

Viele Menschen missverstehen die Naherwartung eines apokalyptischen Geschehens in der Weise, dass sie sich gegen alle möglichen Katastrophen und Schreckensszenarien  wappnen wollen und Lebensmittel einlagern, Bunker bauen, ihre unmittelbare Umgebung autarkisieren und abschotten. Eine christliche Variante der apokalyptischen Angst besteht darin, dass der Druck, noch möglichst viele Menschen zu bekehren, ins Unermessliche wächst und zu evangelistischen Höchstleistungen anspornt. Vor allem die eigenen Verwandten und Freunde möchte man ja nicht zurücklassen.

Angst ist eines der wesentlichen Kriterien zur Unterscheidung der Geister. Wenn man eine Gruppe oder Gemeinschaft einschätzen will, so sind unbedingt auch diese beiden Fragenbereiche zu prüfen:

  1. Werden häufig der Teufel bzw. die Hölle erwähnt? Werden Menschen als „verloren“ bezeichnet? Gibt es Mitglieder, die aus der Gruppe aussteigen wollen, aber nicht können? Gilt der Ausschluss aus der Gruppe als Strafe?
  2. Werden Anzeichen dafür genannt, dass die Wiederkunft Christi tatsächlich nahe ist? Hat man das Gefühl eines Zeitdrucks, rasch Menschen zum Glauben zu bekehren? Wird man bedrängt, sich möglichst gleich taufen zu lassen bzw. sofort sein Leben an Jesus zu übergeben? Ist die Ausbildung plötzlich nicht mehr wichtig, weil sie unnütze Zeitvergeudung ist?

Wenn Angst eine wesentliche Rolle in den theologischen bzw. spirituellen Grundlagen einer Gruppe spielt, dann ist es angeraten, sehr vorsichtig zu sein.

Das Referat für Weltanschauungsfragen steht für Anfragen und Beratung zur Verfügung:
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Dieser Text von Meinrad Föger erschien ursprünglich in der Zeitung des Katechetischen Amtes "Mittteilungen"

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